Material — Resteverwertung

Regie: Thomas Heise
Deutschland 2009
166 Min.

12.02. 19:30, CinemaxX 4
14.02. 15:15, Arsenal 1

Bei MATERIAL handelt es sich um die Überreste aus 20 Jahren Filmarbeit des Wendedokumentaristen Thomas Heise. Dies und die stattliche Länge wird den einen oder anderen vielleicht abschrecken, da er aneinander gehängte Filmschnippsel erwartet. Dem ist aber nicht so. Ganz im Gegenteil: Diese Reste sind mehr als nur Überbleibsel.

MATERIAL besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil wird vor allem dominiert von Aufnahmen der Demonstration am 04. November 1989 auf dem Alexanderplatz und von der (längst vergessenen) Demonstration der SED-Basis am 08. November 1989 vor dem ZK-Gebäude. Letzterem wird mehr Raum eingeräumt. Interessant war hierbei für mich (natürlich retroperspektiv betrachtet), wie viele dabei immer noch an einen Neuanfang in der DDR glaubten und wieviel Unmut über die SED-Führung sich auch unter den Genossen der Basis angestaut hatte. Aber auch wie Krenz und Schabowski sich noch im Besitz der Macht wähnten, die sie längst verloren hatten.

Der zweite Teil zeigt Stellungsnahmen von Strafgefangenen aber auch von Strafvollzugsbeamten anlässlich einer Revolte im Zuchthaus Brandenburg Anfang Dezember 1989. Hierbei fiel mir vor allem die Sprache der Gefangenen auf. Sicher im typischen DDR-Duktus stellten die vor allem jungen Gefangenen ihren Standpunkt und ihre Forderungen in einer sehr klaren Form dar, wie man es heute von jungen Strafgefangenen  nicht mehr erwarten würde. Die geschilderten Verhältnisse in den Gefängnissen (auch die Sicht der Wärter) und die Situation der Gefangenen nach ihrer Freilassung in der DDR waren mir bisher noch nicht so bewusst und machten mich betroffen. Ein Thema, mit dem man sich in jedem Fall weiter beschäftigen sollte.

Wie ein roter Pfaden — wohl auch zur Auflockerung gedacht — ziehen sich die Aufnahmen von Fritz Marquardt durch den Film. Wer die Einführung nicht gelesen hat, erfährt nicht, dass es sich hierbei um die Arbeiten zur Inszenierung von Heiner Müllers »Germania Tod in Berlin« handelt. Die herrlichen Streitgespräche, vor allem mit seinem Bühnenbildner Karl, könnten wahrscheinlich bei jedem anderen Stück und auch an jedem anderen Ort der Welt in einem Theater stattfinden.

Hinzu kommen Aufnahmen verschiedenster Ereignisse der unmittelbaren Nachwendezeit. MATERIAL ist definitiv keine wilde Zusammenstellung irgendwelcher Filmschnipsel, sondern eine durchdachte und empfehlenswerte Videocollage.

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Ein Kommentar zu Material — Resteverwertung

  1. kleo sagt:

    Ich fand — und darum ging es Heise offenbar auch — die unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzungen und Kommunikation (zwischen »Oben und Unten«), während einer Revolution interessant. Da gabs ja verschiedene Qualitäten von Gewaltakten (Mainzer Straße), die Verweigerung des Miteinanderredens, das Aneinandervorbeireden bis hin zu sehr niveauvollen Auseinandersetzungen, die man in so einer Zeit eigentlich nicht erwarten würde — auch retrospektiv betrachtet, denn viele haben, das gar nicht als eine Revolution empfunden und ich war völlig erstaunt, als mein Geschichtsprof. mir sagte: »Ja, 1989 — das war eine Revolution.«
    Was ich nicht so gelungen fand, war, dass Heise überhaupt keine Namen und Funktionen genannt hat. Er erläuterte im Nachhinein, dass das zu seinem Konzept gehöre, weil er die Allgemeingültigkeit dieses Dokuments hervorheben wolle. Er wolle nicht, dass man da einen Fritz Marquardt vom BE sieht, sondern einen Theaterregisseur. Ehrlich gesagt, hat mich das sehr gestört, da ich die Szenerie, die mir nicht so geläufig war — die Theaterszenen am BE, die Uraufführung von »Stau jetzt gehts los« (ich hatte einfach mal vergessen, dass Heise einen Film über Neonazis gedreht hatte) streckenweise überhaupt nicht erfassen konnte. Vielen Leuten aus dem Publikum ging es ähnlich — das zeigte der Erklärungsbedarf zum Konzept bzw. zu einzelnen Szenen. Das hilft mir doch die Situation zu erfassen — auch Leuten, die überhaupt keine Ahnung von der Wende haben. Heise argumentierte genau andersherum: Leuten aus Honolulu würde das helfen, weil sie mit den Namen sowieso nichts anfangen könnten. Ich denke schon, dass es ein Unterschied zwischen d e m Berliner Ensemble und irgendeinem Theater gibt und dass, da ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen mitspielen. Warum soll man diese ausklammern? Damit bricht man alles runter: Irgendein Theaterregisseur hat jetzt Schwierigkeiten irgendwas umzusetzen. Na toll — das ist für mich einen Nullaussage. Ich zitiere an dieser Stelle mal die Märkische Allgemeine: »Von Fritz Marquardt wusste, wer es wissen wollte, dass der Sohn eines Bauern aus der Neumark in Stalins Lagern in Sibirien gewesen war. Nur wer davon heute noch Kenntnis hat, kann die Marquardt-Bilder in Heises Film verstehen, das Zögern des immer wieder Drangsalierten und doch Ungebeugten. Warum es Marquardt so schwer fällt, die Szene „Hommage a Stalin 1“ in Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ umzusetzen, in der Soldaten im russischen Winter einander die Arme ausreißen und daran zu nagen beginnen. Heise kommentiert das – wie alles in „Material“ – mit keinem Wort.« (Martin Stefke, 9.2., Märkische Allgemeine Zeitung).

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