Meine Berlinale (1) — Grüner Tee, statt Kaffee

Da ich auch als Fahrradkurier arbeite, hat meine Berlinale schon vor zwei Wochen angefangen. Aufträge, die vom »Potseplatz« ausgingen, begannen sich kontinuierlich zu häufen und steigerten sich. Immer mehr Kuriere meldeten sich nun lieber vom Potsdamer Platz aus frei, anstatt in der sonst so lokrativen »Mitte«. Fernsehtrailer der Wettbewerbsfilme wurden hin und her geschickt, Katalogtexte wurden hin und her redigiert, dies und das wurde hin und her gesendet…

Heute musste ich eine Sendung vom Pressezentrum der Berlinale, dem Grand Hyatt, zu einem Schnittplatz transportieren. Ein völliger Kontrast zur einer völlig »verschnarchten« Bürosende davor.

Schnatternde, aufgedrehte Journalisten schmierten in Berlinale-Katalogen rum, schrien in Handys, und ich musste mich buchstäblich durch Massen durchkämpfen, um an die Tapes und den umlagerten Aufraggeber zu gelangen. Ich war froh als ich den gesamten Potsdamer Platz mit den gesperrten Straßen, Sendewagen und Berlinaletaschen-Trägern hinter mich gelassen hatte, um dann mit den Tapes ins ruhige und im Februar ausnahmsweise sonnige Spreeufer in Moabit, zu irgendeinem Schnittplatz, zu flüchten. Ist das ein guter Anfang, um ein Filmfestival, zu beginnen, um Filme zu genießen?

Gestern habe ich meine Fachbesucher-Akkreditierung abgeholt. Ich war negativ überrascht, dass das ARSENAL 1 für Fachbesucher nicht zugänglich ist, andererseits verstehe ich natürlich, dass das relativ kleine Kino, damit Platz für das kartenerwerbende Publikum schafft.

Heute morgen hat mich Kosslick geweckt — Radio-Eins-Interview-Wecker: Er trinkt grünen Tee, statt Kaffee und er sagt »Schtarrs« statt »Stars«. Seine englischen Sprachkenntnisse sind grottenschlecht. Katrin Saß, (Good Bye Lenin!) war ursprünglich für die Wettbewerbs-Jury vorgesehen, hat aber wegen mangelhafter Englisch-Kenntnisse abgesagt oder besser: Ihr wurde abgesagt. Berlinale-Chef Kosslick mit seinen Sprachunkenntnissen spaziert drüber mit Leichtigkeit hinweg und morgens kurz nach 9, verstehe ich auch weshalb: Naturgegebener Charme! Diesem Mann nimmt man einfach alles ab — er kommt extrem symphatisch rüber. Kann alles verkaufen. Allein schon das negativ angehauchte Wort »verkaufen« passt überhaupt nicht zu ihm. Also hebe ich meine kuriermüden Beine aus dem Bett, fühl mich munterer. Noch einen Tag strampeln und dann…

Stunden später, der Vorabend. Nach einem Sturz und noch einem Kurieralltag: Wir schicken uns Filmlisten rum und diskutieren in der Kastanienallee über Politik. Einige haben Kleins »Schock Doctrine« (Panorama) gelesen und halten ihre Theorie für eine neue Welterklärung. Eine Theorie, die die heutige neoliberale Welt verständlich macht. Ich bleibe skeptisch. Aber die andern wollen diesen Film sehen. Wir diskutieren auch über die DDR-Filmreihe »Winter ade«. Stefan hat schon Heises Wende-Doku »Material« in der Presse-Vorführung gesehen. Osten unverfälscht! Lass ich mir natürlich nicht entgehen.

Später laufen wir durch den nächtlichen Prenzlauer Berg. Vereinzelt junge Leute mit Berlinale-Taschen. Und dann in Pankow begegnen wir Pennern — vielleicht sind es auch keine. Morgen müssen sie wieder malochen gehen, sagt einer. Ob wir nicht noch Lust auf ein kleines gemeinsames Bierchen haben. Der Typ wirkt schon hacke, aber nicht wie ein wirklicher Penner, sondern einer der erst schuftet, viel trinkt und dann wieder schuftet. Ein schuftender Penner. Wir lehnen ab.

Am Vorabend denke ich daran, dass ich eigentlich gar keine Lust auf den hektischen, elitären Festivalbetrieb habe, aber auf Filme, die was zu sagen haben. Ich denke an »Deutschland 09« — können etablierte deutsche Filmemacher der Welt unser Leben erklären? Ich denke an »Schock Doctrine« — und dann finde ich es wieder falsch, von Filmen die großen Antworten auf das Leben zu erwarten.

Einfach gucken was kommt und wenn der Vorhang sich in wenigen Stunden öffnet, sollte ich einfach nur einen grünen Tee getrunken haben…

Mein Tagesplan für Freitag: Entspannt Karten holen, dann Sauna, um das Immunsystem fit zu halten und dann hinein in einen 237-minütigen Forumsfilm aus Japan! Yes — die Berlinale hat begonnen! Ich freu mich!!!

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