Ich bin ein Berlinalestinker

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In Berlin läuft Fotografenfutter über den roten Teppich und Journalisten drängeln sich in Kinos. Wenn in diesem Jahr einer aus dieser Schar fehlt, nämlich ich, dann ist der milde Winter daran schuld. Viele Jahre habe ich als freier Journalist von den Filmfestspielen berichtet. Und meine Klientel – unbedeutende Blättchen aus der westdeutschen Provinz, die sich so teure Nachrichtenagenturen wie dpa nicht leisten konnten, waren immer dankbar, wenn sie für ein paar Euro rund um das Thema Film einige Exklusiv-Berichte aus Berlin abdrucken konnten. Aber in diesem Jahr habe ich mich gar nicht erst für die Berlinale akkreditieren lassen. Der Grund dafür liegt wie gesagt im milden Winter, oder genauer gesagt, im diesmal sehr frühen Eintreffen des ersten frischen Knoblauchs der Saison aus Ägypten. Ich sah ihn auf dem Markt am Kollwitz-Platz, wurde sofort schwach und wusste in einer Zehntel Sekunde, dass damit die Berlinale für mich gelaufen ist. Denn meine neben dem Kino zweite Leidenschaft ist die stinkende Knolle, die gegen Vampire hilft und Mitmenschen vom Leibe hält. Mit so seiner Fahne mochte ich nicht im Kino sitzen. Ich kann den Namen dieses Krauts neben seiner lateinischen Bezeichnung Allium sativum übrigens in zwanzig Sprachen aussprechen, so dass mich Menschen überall auf der Erde verstehen würden. Knoblauch ist ja nun mal auch eine Weltanschauung. Man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich liebe ihn hemmungslos. Genauso wenig mochten die Pyramidenbauer im alten Ägypten auf diese Köstlichkeit verzichten. Sie dopten sich mit dem garlic bis ins Delirium, und ihre Könige nahmen ihn mit ins Jenseits. Heinrich IV. schwor auf ihn. Ganze Völker loben seine aufbauende Wirkung. In Spanien riechen im Sommer sogar die Häuser nach ajo. Und erst der Balkan mit seinen knoblauchgestärkten Lustgreisen.

Nur der alte Horaz stänkerte, der Geruch könne bewirken, dass die Geliebte den Kuss verweigere. Aber solche Zimperlichkeiten können mich nicht verschrecken, nachdem ich meine erste Begegnung mit der Knolle vor vielen Jahren auf hoher See hatte. Das war auf einer abenteuerlichen Schiffstour von Athen nach Lissabon. Der Seelenverkäufer fuhr unter liberianischer Flagge mit griechischen Offizieren und einem sizilianischen Koch. Rohen Knoblauch gab es schon zum Frühstück. Und ich glaube noch heute, es lag an diesem alio, dass ich trotz Windstärke elf nicht seekrank wurde. Daneben ist ail nicht nur in Frankreich als Antibiotikum anerkannt. Er wirkt gegen Durchfall, auch gegen den Bandwurm und senkt den Blutdruck. Vier Zehen sind allerdings dafür die Tagesdosis. Die leiste ich mir auch.

Und während ich meine Kollegen im tobenden Deutungswettbewerb um das Berlinale-Programm weiß, habe ich Urlaub und sitze daheim in meiner Knoblauchseeligkeit, dem sogenannten Allium-Sativum-Delirium. Es gibt leicht geröstete Schwarzbrotscheiben mit Knoblauch eingerieben und Gänseschmalz, dann ein griechisches Kartoffel-Knoblauch Püree und schließlich Kim Chee, koreanische Kohlpickles in Knoblauch, Chili und Ingwer eingelegt — ein Essen für schon etwas Fortgeschrittene.

Und um der Berlinale nicht ganz fern zu sein, höre ich dazwischen Musik von den Rolling Stones und schaue mir DVD’s an. Gestern lief „Babettes Fest“, vorgestern „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ von Luis Bunuel, heute „Das große Fressen“, für morgen habe ich „Eat Drink Man Woman“ auf mein privates Berlinale-Programm gesetzt. Und für die nächste Woche bietet ein Discounter mit vier Buchstaben die DVD „ Ratatouille“ für € 18,99 an.

Es ist so ähnlich wie am Potsdamer Platz, nur köstlicher und viel schöner.

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3 Kommentare zu Ich bin ein Berlinalestinker

  1. susan sagt:

    Ich halte es für eine gute Idee, mit unglaublicher Knoblauchfahne die Berlinale zu besuchen. Es wird ganz geräumig um einen herum und man kann in Ruhe die Filme genießen.

  2. kathi sagt:

    Solange man nicht eine Überdosis Parfum verwendet, lassen einen die Berliner auch in Ruhe…;-)))))

  3. susan sagt:

    Tihi, I remember!! Wie man eine Diskussion über Grundeinkommen mit einem intensiven Parfüm sprengen kann…

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