Mörderischer Grenzübertritt — Migration in die USA aus mexikanischer Perspektive

Die Einreise per Gehirn-Maschinen-Schnittstelle kann tödlich sein: Sleep Dealer

Sleep Dealer (Panorama)
Regie: Alex Rivera
USA 2008
88 Min.

La frontera infinta, The Infinite Border (Forum)
Regie: Juan Manuel Sepúlveda
Mexiko 2007
90 Min.

Zwei ganz unterschiedliche Genres spiegeln das Thema Migration in die USA wider: Ein Dokumentarfilmer hat sich ins nördliche Mexiko begeben. Dort sammeln sich Emigranten aus ganz Zentralamerika, um die Grenze illegal zu überqueren. In dem Science-Fiction-Film SLEEP DEALER arbeiten Mexikaner in Tijuana über Schnittstellen im Körper. Damit speisen sie ihr ZNS in ein Computernetzwerk ein, das sie zu Arbeitsrobotern in den USA werden lässt.

 

Als der Mexikaner Memo am ersten Arbeitstag in die Fabrik kommt, die die »Sleep Dealer« beschäftigt, sagt ihm der Einweiser:»So bekommen die USA das was sie wollen. Die billige Arbeitskraft ohne die Arbeiter.« Dann stöpselt sich Memo die Kabel in den Unterarme und findet sich plötzlich auf einem hohen Gerüst in Kalifornien wieder, als kleiner Bauroboter. Eine Frau neben ihm arbeitet als Plantagenroboter, der Apfelsinen einsammelt. So können die Mexikaner in Tijuana in den USA arbeiten, ohne Mexiko zu verlassen.

Diese Möglichkeit haben die Emigranten aus Honduras, El Salvador und Guatemala nicht. Denn sie befinden sich nicht in einem Sciene-Fiction-Film, auch wenn die Realität ihnen wie ein alptraumartiger vorkommen muss. Die Flüchtlinge sammeln sich vor der mexikanischen Grenze, um illegal die Grenze zu überqueren. Der mexikanische Dokumentarfilmer Juan Manuel Sepúlveda, hat lange recherchiert, Interviews geführt, Statistiken untersucht, um sie dann aber schnell wieder zu vergessen.

La frontera infinita/The Infinite Border (Forum)

»Es gab keine Statistik über eine Mutter, die in einem fahrenden Zug aufwachte und ihren Sohn nicht mehr finden konnte, mit dem zusammen sie die Reise angetreten hatte. Keine Akte konnte erklären, warum ein Mann, der einen Fuß verloren hatte, weiterging, bis er die andere Seite der Grenze erreicht hatte.« Mit Zahlen kann man nicht viel verdeutlichen, also zeigt Sepúlveda Einzelschicksale. Ein Mädchen, das Angst hat, weil es ganz allein reist. Den Mann der schon zum neunten Mal zirkuliert, weil er jedesmal abgefangen wird. Die Jungs, die in einem Lager festhängen, weil sie zu klein sind, um überhaupt einen Pass zu besitzen. Immer wieder zeigt der Regisseur Menschen ohne Gliedmaßen — denn die haben sie beim Aufspringen auf Züge verloren. Die Grenzstädte Mexikos sind voll von Krüppeln.

Auch Memo aus SLEEP DEALER lässt sich verstümmeln, um sich Schnittstellen in den Körper rammen zu lassen, die ihn in das Arbeiten ermöglichen. Mit dem Geld, das er sich mit der Arbeit verdient, unterstützt er seine Familie auf dem Land. Die haben große Probleme mit dem Wasser, da es militärisch überwacht und streng rationiert wird. »Sleep Dealer« zu sein, ist nicht ungefährlich. Das Einspeisen in das System kann zur tödlichen Falle werden.

Bevor Memo den Job in der Fabrik bekommen hat, wird er erstmal in einen Hinterhalt gelockt. Jemand auf dem Schwarzmarkt hat ihm eine günstigere Schnittstelle versprochen. In einem dunklen Haus wird er zusammengeschlagen und ausgeraubt. Auch in LA FRONTERA INFINITA berichten Menschen von welchen, die sich als Coyotes, Schlepper,  ausgegeben haben. Doch dann wurde ihn alles abgenommen und sie wurden stehen gelassen. Das gehört zum Alltag der Migranten, die dann ohne Geld versuchen müssen, die Grenze zu überqueren. Manche wagen es sogar zu Fuß. Einige sterben dabei.

Der Strand, an dem Memo mit seiner Freundin spazieren geht, endet plötzlich, denn dort ist ein Sicherheitszaun, der Mexiko von den USA trennt und am Ende seines Dokumentarfilm streift Sepúlvedas Kamera lange die dicke Grenzmauer entlang. Einer der interviewten Flüchtlinge sagt, dass eine Mauer sie niemals davon abhalten könne, die Grenze zu überqueren. Und wer in die Gesichter der Emmigranten sieht, die auf einen Zug in Richtung Grenze warten, weiß, dass er Recht hat.

Über kleo

Blogge über Filme.
Dieser Beitrag wurde unter Berlinale 2008, Panorama abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.