Nacht vor Augen (Forum) — das Afghanistantrauma

Regie: Brigitte Bertele
Deutschland 2008
91 Min.

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Kann sein Kriegserlebnis nicht mehr abstreifen: Bundeswehrsoldat David.

Der einzige deutsche Beitrag im Forum handelt von der traumatischen Bewältigung des Afghanistanerlebnisses eines jungen Bundeswehrangehörigen. Der Regisseurin geht es weniger um die politische Bedeutung, sondern um die Mechanismen des Traumas und die Reaktionen der Angehörigen. Dabei ist es ihr gelungen, die Grenze zwischen »Normalität« und »Abnormalität« transparent zu gestalten; diese Begriffe als gesellschaftliche Konstrukte in Frage zu stellen. Drastisches Regiedebüt, das mit Suspense eine krasse Spannung aufbaut.

10.2., 10.00 Uhr, CineStar 8
11.2., 20.00 Uhr, Colosseum 1
17.2., 22.15 Uhr, Cubix 9

Der 25jährige David (Hanno Koffler) kehrt von seinem Einsatz aus Afghanistan zurück in sein Heimatdorf im Schwarzwald. Seine Freundin Kirsten empfängt ihn in der neuen Wohnung und da bis zum Eintreffen der Eltern noch ein bisschen Zeit bleibt, will sie seine Ankunft im Bett feiern. David hat auch erst Lust, aber dann fängt er an abzuwehren, steht schließlich auf, um zu duschen. Kirsten stutzt nicht. Es ist wohl normal, wenn man so lange unterwegs war.
Die Anzeichen, dass mit David irgendwas nicht stimmt, häufen sich. Seine Freundin und seine Eltern bemerken zunächst nichts oder wollen nichts bemerken. Auch nicht, als er zu seinem achtjährigen Halbbruder Benni ungewöhnlich grob wird.
Schließlich fährt er zu seiner Bundeswehrdienststelle in einen Nachbarort, wo schnell klar wird, dass irgendetwas in Afghanistan passiert sein muss, was nicht hätte passieren dürfen. Man verspricht David, die Untersuchungen zu beenden, er aber solle schweigen und darf sich nur an eine Psychologin der Bundeswehr wenden.

David verhält sich zunehmend merkwürdiger, fast unheimlich, zu seinem kleinen Halbbruder Benni, einmal ist er nett zu ihm, ein andermal greift er ihn aggressiv körperlich und verbal an. Auslöser ist Bennis Fußballspiel. Nach Ansicht des Vaters ist er zu weich, geht nicht an den Gegner ran. Schließlich trainiert ihn David, den irgendetwas zu dem Jungen treibt.

Er beginnt Psychospielchen mit Benni und es wird klar, dass er sein Trauma auf ihn projeziert. Teilweise scheint eine andere Person aus David zu sprechen und oft sieht es so aus, als ob er es hinterher bereut. Doch er kann nicht aus seiner Haut. Er will sich bestrafen und benutzt dafür den Jungen, unter dem Vorwand, dass er härter beim Fußballspielen werden muss.

In einer fast unerträglichen Szene zeigt er Benni was mit Gefangenen in Afghanistan gemacht wird: David setzt sich eine Tüte auf den Kopf und rennt durch den nächtlichen Wald. Da er die Bäume nicht sehen kann, muss er zwangsläufig irgendwann gegen einen rennen. Am Ende läuft er immer schneller, bis er ohnmächtig und blutend am Boden liegen bleibt.

Das Umfeld bemerkt erst sehr spät, was da passiert, erst dann verbieten die Eltern den Umgang zwischen den Halbbrüdern. Anstatt mit David zu reden, fordern sie ihn auf, sich psychologische Hilfe zu suchen. Doch dazu scheint er nicht mehr in der Lage, da er völlig ausrastet. Es kommt noch mal zu einer bedrohlichen Situation für Benni.

Anlass für den Film war ein Erlebnis der Drehbuchautorin. Ein Bekannter kam mit der Bundeswehr aus dem Kosovo zurück. Er hatte sich innerlich stark verändert. Die Recherche zur Figur des David basiert auf zahlreichen Interviews mit Heimkehrern aus dem Afghanistan und anderen Krisengebieten.
Der Regiedebütantin Brigitte Maria Bertele meidet Klischees über Abnormalität, sondern nähert sich dieser Thematik auf realistische, differenzierte Weise. Eine Verurteilung und Moralisierung von Davids Verhalten findet nicht statt. Die Grenzen zwischen normalen und unnormalen Verhalten bleiben fließend. Bertele provoziert damit die Frage: Wo liegt eigentlich überhaupt die Grenze? Sind sowieso nicht alles gesellschaftliche Konstrukte? Wenn Bennis Vater am Spielfeldrand aggressiv auf den Jungen einschreit, so sieht das nicht anders aus als wenn David das tut. Doch beim Vater empfindet es Umfeld als gewöhnlich. Bei David, dessen Erlebnis nun bekannt ist, sehen alle betroffen auf den Boden. Was als normal definiert wird, ist nicht immer logisch. Und ist es nicht eher unnormal, auf krasse Erlebnisse nicht mit einem Trauma zu reagieren?

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Ein Kommentar zu Nacht vor Augen (Forum) — das Afghanistantrauma

  1. kathi sagt:

    Klingt sehr gut! Für mich hört sich das auch an als ob die Regisseurin Erwartungen an Männlichkeit zur Diskussion stellt. Einerseits wird ein »Funktionieren« in der Gewalttätigkeit (des Krieges) erwartet, andererseits das »Umschalten auf Normalbetrieb« bei der Rückkehr, ohne dass das Umfeld in Mitleidenschaft gerät (sprich: die erlebte Wahrheit erfährt). Gewisse Aggressionsmomente wie das des Vaters beim Fussballspiel werden nicht nur für normal angesehen, sondern sind sogar erwünscht: auch Benni soll in der geforderten Situation aggressiv sein, wohlgemerkt in der Ausnahmesituation vom normalen Leben. Gewalt wird unbewusst als inhärenter Bestandteil von Männlichkeit betrachtet, gleichzeitig — bewusst — aber auf Ausnahmefälle beschränkt und so abgespalten. Diese Trennung kann David nicht mehr erbringen: Denn der Krieg war seine Normalität. So verstört er seine Mitmenschen mit der Wahrheit der Allgegenwärtigkeit von Gewalt.

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