Nunavut (Our Land) — Kanadische Inuit-TV-Serie im Arsenal

Regie: Norman Cohn, Zacharias Kunuk
CA 1994/95
OmE

Zu sehen im Kino Arsenal um jeweils 19.00 Uhr
Di, 17.7., Teil 1–5, 150 min
Mi, 18.7., Teil 6–9, 120 min
Do, 19.7., Teil 10–13, 120 min

 

»Nunavut« heißt wortwörtlich »unser Heimatland« und ist mit 0,01 Einwohnern pro km² eines der am dünnsten besiedelten Gebiete weltweit. Gelegen im Nordosten Kanadas gehört es zwar zum »Ahornstaat«, wird aber von den Inuits relativ autonom verwaltet. Der Regisseur Zacharias Kunuk, selbst Inuit und Gründer der Iglooik Isuma Produktions, einer Inuit-Filmproduktionsfirma, hat das traditionelle Leben der Inuit um 1945 im TV-Serienformat für das kanadische Fernsehen nachgestellt.
Das Konzept der Serie ist ähnlich wie die Dokusoaps auf ARD oder Arte, in denen Familien in einem Haus des 19. Jahrhunderts leben, lieben und arbeiten, mit dem Unterschied, dass die Alten der fünf Familien aus der »Nunavut«-Serie tatsächlich noch so gelebt haben. Das Leben der Inuit — der 2. Weltkrieg gilt dabei als entscheidende Zäsur, da ab diesem Zeitpunkt die Seßhaftigkeit einsetzte — hat sich binnen kürzester Zeit radikal gewandelt: Heute leben sie in Siedlungshäusern, rasen auf modernsten, grellbunten Snowmobilen durch den Schnee und verständigen sich per Handy.

»Nunavut« widmet sich ausschließlich dem ursprünglichen Leben und die erste Episode beginnt mit einer traditionellen Hundeschlittenfahrt von Inuaraqs Familie, kurzen Jagdszenen und dem Iglubau. Letzteres nennen sie »Camping«, da die Iglus nur als kurzzeitige Behausungen auf der Durchreise dienen. Im zweiten Teil reist die Familie zu einer Kleinstsiedlung mit vier Familien, mit denen sie sich gemeinsam auf den arktischen Winter vorbereitet, den man in Sommerzelten nicht überleben würde. Nur ein Steinhaus, das die Männer in sehr mühvoller Arbeit aus Steinbrocken bauen, die sie einfach nur aufeinanderschichten und mit Schutt füllen, bietet allen Familien genügend Schutz vor der extremen Kälte. Angetrieben werden die Menschen durch den Wechsel der Jahreszeiten, der das ursprüngliche Leben der Inuit vollkommen bestimmte und somit auch die Plotstruktur der »Nunavut«-Serie. Im tiefsten Winter wird der Hausbau vollendet, indem vor dem Eingang des Steinhauses noch ein Vorbau aus Eisblöcken gesetzt wird, der als Kälteschutz aber auch als Vorratskammer dient. Dort wird beispielsweise Speck von Meeressäugern aufbewahrt, eine fettig-blutige Pampe, aus dem Öl für die Serpentinlampe gewonnen wird. Während die Kinder, die noch zu jung zum Arbeiten sind, tagsüber mit Huskybabys, Lemmingen und einfachen Spielzeugen spielen dürfen, sind die Erwachsenen fast ausschließlich mit überlebensnotwendigen Arbeiten wie Felle gerben, nähen und jagen beschäftigt. Nur am Sonntag ist verordnete Pause, zumindest predigt dies ein Wanderprister in einer äußerst kuriosen Episode, der den Inuit sehr plakativ das Christentum nahe bringen will. Doch die meisten schlummern in der engen Holzhütte, die speziell für Andachten erbaut wurde, vor sich hin. Vermutlich liegt den Inuits das Schamanentum näher: Dies inzeniert Kunuk, indem er die Ältesten über den »German Leader«, gemeint ist Adolf Hitler, sinnieren lässt. Einer der Inuits prahlt damit, dass er ihn mit seiner spirituellen Kraft, die ihm ein Geist gibt, schneller besiegen kann als die Amerikaner.
Ein Großteil der Episoden zeigt das Jagen: häufig Robben und Karibus, seltener Walrösser. In Episode 6 baut Kunuk eine sehr gelungene Spannungsdramaturgie auf, indem er die Jagdteams in langen Plansequenzen begleitet. Dicht am Jäger, die sich mit unterschiedlichen Tricks den häufig arglosen Robben annähern, schwenkt die Betacam immer wieder zwischen Mensch und Tier hin und her — bis sich erst in letzter Minute entscheidet, ob der Flossenfüssler doch noch untertauchen kann. Gelingt ihm das nicht, wird dem Tier das Fell abgezogen und es wird auf der Stelle roh — häufig sind auch die Frauen und Kinder anwesend — verspeist. Bis auf die ganz Kleinen, die ein paar Stücke in den Mund gesteckt bekommen, schneidet sich jeder einfach seine Lieblingsorgane raus. Darin beschränkt sich die einfache Esskultur der Inuits, deren Nahrung wohl ausschließlich aus Fleisch bestand. Ganz selten, wenn mal Zeit dazu war, wurde gekocht. Diese extrem genügsamen Speiseszenen wirken fast schon blasphemisch, wenn man bedenkt, welchen Status hierzulande das Essen inzwischen eingenommen hat: die unzähligen TV-Kochsendungen, die nicht nur unterhalten, sondern mit ihrer eigenartigen Ästhetik und Ritualisierung eine Art Ersatzreligion schaffen wollen. Bei den Inuits scheint das Essen nicht »heilig«, sondern nur zweckmäßig und wirkt dabei wie in einem blutrünstigen Splatterfilm: Den Kindern trieft das Blut nur so aus aus dem Mund, während die Kleinsten mit ihren Fingerchen in den Organen rumgewühlen, um sich das Schönste rauszusuchen, der Vater wischt das blutige Jagdmesser mit dem soeben die Haut abgezogen wurde im Schnee ab, während die Kinder, die schon fertig sind, mit den abgeschnittenen Robbenflossen in den aufgetauten Eislachen U-Boot-Schlacht spielen.
»Nunavut« ist eine beschauliche Serie — wie gesagt gehört das Land zu den am wenigsten besiedelten Gebieten auf der Welt — und selbst die Darsteller, die normalerweise vermutlich in größeren Siedlungen leben, loben vor der Kamera die unglaubliche Stille, die der Schnee im Winter noch zusätzlich verstärkt. Traditionelle Gesänge im Off überliefern alte Riten und Weisheiten und zeugen vor allem vom Stolz auf die Heimat. Dies entspricht der Kameraästhetik von Kunuk, der von Episode zu Episode mit immer neuen Mitteln versucht, die einmalige Schönheit der Landschaft festzuhalten: Im Winter filmt er häufig im Morgen- oder Abendlicht, das die Landschaft in ein rötlich-bläuliches Licht taucht. Und Kunuk filmt gern in der Totalen die am Horizont untergehende Sonne, nicht ohne aber einen einsamen Jäger auf der Bildfläche auftauchen zu lassen, der so will es Kunuk verdeutlichen, als ein Teil der Natur verstanden werden soll. Bei aller Beschaulichkeit wird die Serie aber nie langweilig, denn als Kontrapunkt setzt der Regisseur wacklige Nahaufnahmen von Jagd-, Bau- oder schnelle Schlittenszenen, so dass sich Action und Gelassenheit ein Stelldichein geben. Die romantische und scheinbar friedliche Naturästhetik wie sie in »Nunavut« entworfen wird, steht im Widerspruch zu dem harten Leben der Bewohner. Und an diesem Punkt ist die Serie, wie alles Nachgestellte inszenierte Unterhaltung: Die Darsteller müssen zwar in Echt einen arktischen Winter mit ganz einfachen Mitteln bewältigen, aber ums nackte Überleben, wie es um 1945 der Fall war, geht es nicht wirklich. Vielmehr überwiegt der Spaß so noch einmal leben zu dürfen und der Stolz Nunavut ein bisschen so wie früher unterworfen zu sein.

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Ein Kommentar zu Nunavut (Our Land) — Kanadische Inuit-TV-Serie im Arsenal

  1. Während meiner Reise nach Ostgrönland hatte ich die Gelegenheit Robert Peroni kenne zulernen. Der Tiroler Abenteurer lebt heute in der Stadt Tassilaq auf der Halbinsel Angmasallik. Er betreibt dort mit dem Roten Haus eine Sozialstation für die Ureinwohner Ost-Grönlands.

    In diesem Podcast erzählt Robert Peroni über das beschwerliche Leben am Polarkreis, der einzigartigen Kultur der Ureinwohner sowie den Konflikten zwischen alter Welt und Neuzeit. Gesamtdauer der beiden Podcasts von Tassilaq ca. 20 Minuten: http://www.castogo.com/trail_det.php?trail_id=128

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