Obcan Havel, Bürger Václav Havel (Forum) — Plötzlich im internationalen Rampenlicht

Regie: Pavel Kouteký, Miroslav Janek
Tschechische Republik
120 Min.

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Kein alltäglicher Präsident: der intellektuelle Schriftsteller Václav Havel

»Wenn man ein Jahr lang im Schneideraum mit einem Menschen verbringt, dann ist es, als hätte man ihn unter dem Mikroskop untersucht. Das ist wie eine tägliche Dosis von der man beinahe abhängig wird.« (Miroslav Janek, Quelle: Forumskatalog)

11.2., 19.30 Uhr, CineStar 8, OmE
12.2., 16.30 Uhr, Delphi, OmU
14.2., 20.00 Uhr, Colosseum 1, OmE

Die Geschichte über die Entstehung des Films muss man zu Beginn erzählen:

Als der Dokumentarfilmer Pavel Kouteký 1989 erfuhr, dass Havel vielleicht Präsident wird, dachte er sofort, dass man darüber einen Film drehen müsse. Er lag gerade in einem englischen Krankenhaus und sah zu, dass er so schnell wie möglich nach Prag kam. Dort angekommen, drehte er einen ironischen Zehnminüter über den Tag als Havel Präsident der Tschechoslowakei wurde. Da der Sekretär von Havel diesen Kurzfilm mochte, erlaubte Havel Kouteký, dass das Filmteam ihn begleiten darf, unter der Bedingung, dass der Film auch die gesellschaftspolitischen Ereignisse des Landes festhalten soll. Und so beginnt der Film OBCAN HAVEL mit der zweiten Präsidentschaftskandidatur Havels nach der Teilung des Landes.

Das Filmteam wird zum gelegentlichen Begleiter des Präsidenten — bis zu jenem tragischen Tag im Jahre 2006. Kouteký stürzte während Dreharbeiten von einem Prager Hochhaus und starb an den Komplikationen. Daraufhin führte Miroslav Janek, hauptberuflich Cutter, das Projekt weiter. Er schloss sich mit seiner Frau, auch Cutterin, zehn Tage zu Hause ein und sah sich 40 dreistündige VHS-Kassetten mit dem ungeschnittenen Material an. Sie hatten Mühe, den Fernseher abends auszuschalten, so interessant fanden sie das Rohmaterial. Irgendwann gingen sie in den Schneiderraum und schnitten aus 120 Stunden 120 Minuten.

Der Film ist ungewöhnlich. Es passiert nicht alle Tage, dass ein Dramatiker Präsident wird, dass zudem das politische System wechselt und dass dies auch noch von einem Bekannten gefilmt wird. Der Schriftsteller Václav Havel, dessen Stücke in der Tradition des absurden Theaters stehen, ist als Oppositioneller zur Politik gekommen. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings war er dreimal im Gefängnis. Insgesamt fünf Jahre. Er war einer der Hauptinitiatoren der Charta 77, einer tschechischen Bürgerrechtsbewegung, und Anführer der so genannten Samtenen Revolution, die im November 1989 den Systemwechsel einleutete.

Als Kouteký 1992/93 mit dem Dreh beginnt, bereiten Havels Leute gerade eine Wahlkampagne vor. Die Trennung des Landes war soeben erfolgt und Havel, der kurz vorher abgewählt worden war, weil er die Teilung verhindern wollte, kandidiert erneut. Diesmal für Tschechien. Das Material, das Janek vorlag, reichte von 1992 bis 2005 und der Cutter sah schnell, dass der Regisseur, Havel ungewöhnlich nahe gekommen war.

Havel war auch ein dankbarer Protagonist. Er verhielt sich natürlich vor der Kamera, inszenierte sich nicht wie andere Politiker. Zu Beginn, während der Wahlkampagne und seiner Ernennung zum Präsidenten, wirkt Havel wie ein distanzierter Intellektueller, der der Inszenierung eines komischen Theaterstücks beiwohnt. Er scheint fast belustigt über die Inszenierung auf der politischen »Bühne«. Nur wenn es um die Fussel auf seinen Klamotten geht, da versteht er keinen Spaß mehr.

Der Regisseur beobachtet wie Havel in sein Amt hineinwächst, hält die Höhepunkte aber auch die Tiefschläge fest. Den Dokumentarfilmer interessieren weniger die gesellschaftspolitischen Veränderungen des Landes, sie sind nur der Background für Havel, der mehr Bürger als Präsident ist. Er schafft es mit kleinen subtilen Gesten, die innere Stimmung von Havel in Szene zu setzen: Äußerlich mag er bei einem öffentlichen Empfang ruhig wirken, doch ein Zoom auf Havels zappelnde Hände, die er hinter dem Rücken verbirgt, zeigen, wie er wirklich drauf ist. Diese Einstellungen verraten, dass Havel gerne den distanzierten Intellektuellen herauskehren möchte, der er ja auch irgendwie ist, aber so ganz ohne Herrscherlampenfieber läuft es eben doch nicht. Besonders angespannt wirkt er, wenn es um offizielle Empfänge von Halbgöttern wie den Rolling Stones oder Präsident Clinton geht. Oder aber wenn er in den USA eine Rede auf Englisch halten muss.

Kouteký interessiert aber auch das Private — das Private was wiederum auch öffentlich wird, wenn man Präsident ist. Die Szene, die das am eindrucksvollsten widerpiegelt, ist die als seine Frau Olga stirbt, mit der Havel 36 Jahre verheiratet war: Sein Gesicht vor der Kamera verbergend, blickt er hinter einer Gardine versteckt, hinaus auf die lange Schlange von Kondolenzbesuchern. Eine Einstellung, voll mit Einsamkeit und doch von tausend Leuten umgeben.

In einer langen Szene diskutiert Havel mit jemanden, wie er sich gegenüber den Oppositionsführern zu verhalten hat. Havel ist der Ansicht, dass er sie über ein Treffen zuerst informieren muss, bevor das an die Medien weitergegeben wird. Doch der andere hält das für unnötig: »Du bist der Präsident. Du musst nicht vorher um Erlaubnis fragen.« Havel schweigt. Die Chefrolle bereitet ihm äußerstes Unbehagen und die Diskussion dauert noch lange. Sehr viel später sehen wir eine Szene, in der Havel, plötzlich laut und bestimmt wird. Fast polternd.

Vielleicht ist er doch irgendwann ein bisschen Präsident geworden, zumindest ahnt er, was es heißt, Präsident zu sein: Ziemlich viel Gepose, eine gute Figur machen, viel Party. Hartes Verhandeln, aber auch mal einstecken. Man steht ständig im Rampenlicht, auch wenn man nicht will. Fehler? In der Öffentlichkeit: So was gibt es nicht. Den Gegner fragt man nicht, sondern man diktiert. Und wenn man das alles beherrscht, darf man auch mal ein bisschen Mensch sein und zusammen mit Bill Clinton ganz locker Musik machen. Wenn man sich vor lauter Steifheit noch irgendwie bewegen kann.

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