Offside (Wettbewerb)

Regie: Jafar Panahi („Der Kreis“)
Iran 2006
88 Minuten

 

Im Monty-Pythons-Klassiker „Das Leben des Brian“ fragt der Ankläger auf der Steinigung misstrauisch: „Ist hier etwa Weibsvolk anwesend?“ „Nein, nein“, beschwichtigen ihn die Frauen mit verstellten Stimmen, die sich als Männer verkleidet haben. Sie sind beim „Volkssport“ Steinigung nicht zugelassen. Ort der Handlung: Jerusalem. Wir schreiben in etwa das Jahr 20 nach Christi Geburt.
Eintausendachthundertundfünfzig Jahre später. Ort: Teheran. Der Iran qualifiziert sich am 8. Juni 2005 mit 1:0 im Spiel gegen Bahrain für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Frauen sind nur in Begleitung eng verwandter Männer, dem Vater oder Bruder, zugelassen. Haben diese kein Interesse am Fußball, gibt es für sie keine Hoffnung, das Spiel vor Ort zu verfolgen. Also verkleiden sich die weiblichen jungen Fans als Jungs.
Das Mädchen, welches wir zu Beginn im Bus sehen, geht das erste Mal zu einem Fußballspiel. Wir erfahren erst am Ende ihr trauriges Motiv. Sie muss also ihre „Feuertaufe“ erst bestehen. Die Karte, die ihr schwarz verkauft wird, muss sie sehr viel teurer bezahlen als der Junge vor ihr, denn sie wird als weiblich erkannt. Sie scheitert gleich am ersten Kontrollpunkt, da sie sich nicht betasten lassen will. Der Versuch, in der Menge unterzutauchen, scheitert. Sie wird gefasst und in eine Umzäunung vor dem Stadion gebracht, in der auch schon andere Mädchen sitzen. Nach dem Spiel wird man sie der Sittenpolizei übergeben.
Das liest sich eher tragisch, doch der Regisseur Panahi, der sich auch früher schon mit dem Problemen von Frauen im Iran befasst hat, verarbeitet diesen Stoff zu einer Komödie, ohne das dieser an politischer Brisanz verliert. Es entstehen grotesk-komische Situationen, die die Unterdrückung der Frauen als absurd und weltfremd entblößen: Eine der festgehaltenen Mädchen muss auf die Toilette – doch es gibt nur Männertoiletten. Damit sie nicht erkannt wird, muss sie sich ein Plakat, welches das Gesicht eines der Spieler zeigt, vors Gesicht binden. Und dann sind da noch die pinkelnden männlichen Fans, die hinausgeworfen werden müssen. Und was ist mit den Kritzeleien an den Wänden des Aborts? Männer fluchen, schreien und schreiben vielleicht auch noch vulgäre Sprüche auf die Toiletten – das darf einer Frau aus Teheran natürlich nicht zugemutet werden.
Der Regisseur skizziert auch die Generation der Alten. Im Gegensatz zu den jungen Soldaten, die die weibliche Diskriminierung nur auf Befehl ausführen (deshalb allerdings nicht weniger scharf), argumentiert ein Vater, der unter den Festgehaltenen seine Nichte erkennt, gegen die Emanzipation von Frauen. Er will das vielleicht 14jährige Mädchen schlagen – doch die Soldaten halten ihn zurück. Deutlich wird: Es geht ein Riss durch die Generationen. Die Unterdrückung der Frauen im Iran schlägt sich vor allem in öffentlichen Regeln nieder, die die Jüngeren zwar befolgen, aber an die sie – im Gegensatz zu den Alten – nicht mehr so recht glauben wollen. Gebärden sich doch die Mädchen »männlicher« als diejenigen, die sie daran hindern wollen, das Stadion zu betreten. Fachmännisch analysieren sie die Aufstellung der Spieler, fluchen und rauchen dabei. Bevor das Spiel endet, werden sie in einem Bus weggekarrt. Durch das Radio erfahren sie von der WM-Teilnahme Irans. Die Stadt Teheran ist im Ausnahmezustand. Der junge Chef der Soldatentruppe, der sich für Fußball nicht begeistern konnte und der die Mädchen überführen soll, kann sich der Stimmung nun nicht mehr länger entziehen – letztendlich gibt es sowieso kein Durchkommen mehr, denn alles ist dicht. Alles endet im Freudentaumel. Sie steigen aus und feiern den Sieg mit den anderen. Niemand interessiert sich noch für Geschlechterdifferenzen – denn Iran ist bei der WM dabei.

»Offside« verarbeitet einen prisanten politischen Stoff unterhaltend, komisch und dramaturgisch erstklassig.

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