Panorama wird 30

Panorama

1980 berief der Ex-Berlinalechef de Hadeln Manfred Salzgeber (auch Gründer des Filmverleihs edition salzgeber) zum Verantwortlichen für die »Informationsschau«, dem heutigen Panorama. Später führte Wieland Speck diese Sektion, die in diesem Jahr 30 wird, weiter. Beide setzten sich für den schwul-lesbischen Film ein und da das Panorma ein Jubiläum zu feiern hat, werden einge Filme der 80er wiederholt.

Anlässlich des bevorstehenden Starts des neuesten Gus-van-Sant-Films über den ersten bekennenden Schwulen im öffentlichen Amt in den USA, Harvey Milk, wird THE TIMES OF HARVEY MILK wiederholt. Robert Epstein erhielt für seine Doku über den prominenten Bürgerrechtler, der 1978 vom Abgeordneten Dan White in San Francisco erschossen wurde, neben zahlreichen weiteren Preisen, den Oscar. Die Doku hatte ihre Weltpremiere 1985 im Panorama.
Harvey Milk: erster offener schwuler Politiker in den USA (Foto: Berlinale 09, THE TIMES OF HARVEY MILK)

 

Eine weitere Wiederholung, die im Gründungsjahr der Sektion gezeigt wurde, ist Catherine Breillats zweiter Film TAPAGE NOCTURNE (FR, 1979), in dem es um das sexuelle Experimentieren einer reifen Frau (Dominique Laffin) geht, die ihren Partner verlassen hat. Einer der Protagonisten des Films ist die Sex-Ikone Joe Dallesandro. Ihm ist mit LITTLE JOE eine Doku gewidmet, die im diesjährigen Panorama uraufgeführt wird.

Joes Hosenstall auf dem Sticky Fingers-Plattencover der Stones.

Joe Dallesandro spielte in diversen Warhol-Filmen und Lou Reed sang über ihn in Walk On The Wild Side. Dallesandro soll in diesem Jahr den Special Teddy-Award bekommen und kommt deshalb auch nach Berlin. Inzwischen ist er allerdings schon 61 und nicht mehr little.

Mit Quentin Crisp steht neben Milk ein weiterer früh bekennender Homosexueller im Mittelpunkt — er gilt als der erste in Großbritannien, der sich öffentlich outete. Berühmt wurde er durch den BBC-TV-Film THE NAKED CIVIL SERVANT (1975) mit John Hurt in der Hauptrolle, der ebenfalls im Panorama läuft. Crisp, der wohl zudem auch noch eine äußerst interessante Persönlichkeit darstellt, war übrigens der Englishman In New York, den Sting besungen hat.

Um Crisps Leben geht es auch in AN ENGLISHMAN IN NEW YORK, dem neuesten Film von Richard Laxton, der uraufgeführt wird. Hurt spielt Crisp. Ebenfalls gezeigt wird die Doku RESIDENT ALIEN aus dem Jahr 1990.

Eine ebenfalls reallebende Lokallegende war Vorbild für einen Spielfilm: In WHITE LIGHTNIN´(GB 2009) wird die Geschichte des benzinschnüffelnden Jesco White erzählt, der erst, als ihm sein Vater das Mountain-Dancing lehrt, seine wahre Berufung entdeckt. Damit wird er zur Berühmtheit und tingelt durch die Bars. Als sein Vater von Rednecks ermordet wird, verfolgt White Rachepläne, verliert sich aber in Drogen, Nazi-Ideologie und Depressionen. Die Zitty schreibt dazu: »Die faszinierende und zugleich verstörende Geschichte eines Mannes, der sich von Elvis zu Charles Manson entwickelt, ist mit einem exzellenten Soundtrack voll flirrendem Psycho-Blues unterlegt und definitiv nichts für schwache Nerven.«

Piekt sich auch schon mal Hakenkreuze in die Haut: Jesco White (Foto: Berlinale 09, WHITE LIGHTNIN´)

Mit Spannung wird der neueste Film von Michael Winterbottom (THE ROAD TO GUANTANAMO, Silberner Bär 2006) erwartet. In THE SHOCK DOCTRINE beschäftigen sich Winterbottom und Whitecross mit dem gleichnamigen Buch der Globalisierungskritikerin Naomi Klein (deutscher Titel: »Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus«).

Nur Verschwörungstheorie oder ernstzunehmende Kapitalismuskritik? Winterbottoms THE SHOCK DOCTRINE (Foto: Berlinale 09)

Die Kernthese Kleins: Durch sogenannte Schocks, ausgelöst durch Naturkatastrophen, militärische Aktionen sowie wirtschaftliche Krisen, wird langfristig immer mehr die Privatisierung von staatlichem Vermögen durchgesetzt. Hier der Wiki-Artikel zur Schockstrategie.

Eine weitere kritische Doku dürfen wir von José Padilha erwarten, dem umstrittenen Gewinner des Goldenen Bären im letzten Jahr für »TROPA DE ELITE« (der es übrigens bis jetzt immer noch nicht in die Kinos geschafft hat).

Wer von Jim Morrison noch nicht genug hat, kann sich den Dokumentarfilm mit dem wenig einfallsreichen Titel WHEN YOURE STRANGE von Tom DiCillo (LIVING IN OBLIVIEN, USA, 1995) ansehen. Enthalten sein soll noch nie gezeigtes Filmmaterial, gedreht von Morrison selbst — er hatte ja mal mit einem film- und theaterwissenschaften Studium angefangen. DiCillo wurde vorgeworfen, er habe das Morrision-Material gefälscht. Dies bestreitet er in besagter Doku. Hauptthema von WHEN YOURE STRANGE ist die Beziehung zwischen Morrison und seinen Bandkollegen.

Sehr österreichisch liest sich die Story von Josef Haslingers Roman Das Vaterspiel, die nun von Michael Glawogger (SLUMMING, Berlinale 2006) verfilmt wurde: Ein 35Jähriger hasst seinen Vater, der es in der SPÖ zu etwas gebracht hat — ganz im Gegensatz zu ihm selbst. Nächtelang hockt Sohnemann kiffend vorm Computer, um ein »Vatervernichtungsspiel« zu kreieren, mit dem er dann das große Geld machen will.

 

Doch dann ruft seine ehemalige Jugendliebe aus New York an. Er soll ihr helfen, das Versteck ihres Nazi-Onkels auszubauen, der an der Vernichtung von Juden beteiligt war. Glawogger hat einen typisch satirisch-österreichisch-bissigen Humor. Eines seiner Hauptthemen: die unbewältigte nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs.

Das Panorama 2009 setzt also ganz traditionell auf den schwulen Film. Es gibt wieder sehr viele Dokus und Biopics mit mehr oder weniger bekannten Berühmtheiten und Lokallegenden. Neu hingegen dürfte die verstärkte Fokusierung auf Filme mit brisanten politischen Themen sein. Möglicherweise versucht damit die Sektion die Lücke zu füllen, die sich immer mehr im Wettbewerb auftut.

Über kleo

Blogge über Filme.
Dieser Beitrag wurde unter Berlinale 2009, Panorama abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.