FILMKRITIK: Partisan (Panorama) — Castorfs Theater durch die Augen seines Ensembles

© solo:film / Wolfgang Gaube

 Regie: Lutz Pehnert, Matthias Ehlert, Adama Ulrich, Deutschland 2018, 130 Minuten

Lutz Pehnerts Doku ist eine chronologische Skizze über die 25jährige Castorf-Ära an der Berliner Volksbühne. Zu sehen sind lange Einstellungen von Probeaufnahmen und Interviews mit Ensemblemitgliedern und Bühnenarbeitern. Angesichts von Castorf als »Stückezertrümmerer« und des Berliner Theaterstreits hätte man sich aber eine intensivere Auseinandersetzung mit Castorfs Begriff vom Theater gewünscht. Aber süffig-unterhaltend ist es allemal.

Da ist die üppige Einverleibung filmischer Mittel ins Castorfsche Theater. Die Initialzündung dazu lieferte wohl aber nicht Castorf selbst, sondern der Bühnenbauer Bert Neumann. Seine geschlossenen Bauten erzwangen eine Handkamera-Übertragung in den Zuschauerraum, welche das Theatererlebnis, aber auch das Spiel fundamental änderte. Da ist das Assoziationstheater aus dem großen Topf Film, Geschichte, Literatur, Musik, das das Original fast unerkennbar hinter sich lässt. Da sind die fiebrigen Marathon-Spektakel. Merkmale, die Pehnert allesamt zeigt, aber inhaltlich nicht hinterfragt. Es geht ihm nicht um eine Aufarbeitung von Castorfs Theater innerhalb des Theaters, sondern um eine Chronologie von 1992 bis 2017.

Er befragt dazu Ensemble-Mitglieder wie Sophie Rois, Martin Wuttke, Alexander Scheer, Kathrin Angerer, aber ebenso die Souffleuse Christiane Schober und die Bühnenarbeiter Frank Meißner und Andreas Speichert. Sie plaudern auf dem langen Volksbühnen-Sofa über die anstrengende Zusammenarbeit mit ihrem Regisseur. Während es für Henry Hübchen auf Dauer ein bisschen zu viel war, hätte es für Sophie Rois auch weitergehen können. So eine Theatererfahrung und so ein Klima wie bei Castorf gäbe es schließlich kein zweites Mal. Gezeigt wird auch die Theaterwerkstatt der Volksbühne in der Prenzlauer Promenade, in der die monströsen Kulissen gebaut wurden. Dazwischen sieht man lange Ausschnitte von Proben und Inszenierungen. Zum Beispiel Castorf bei einer Probe kurz vorm explodieren. Dann sieht man Scheer wie er Castorf spielt, kurz vorm explodieren. Er macht das ganz gut.

Die Zeit der Castorf-Intendanz wird grob in Kapitel geteilt: Die Übernahme in der unsicheren Nachwendezeit, wo keiner mehr Ossi sein wollte, außer der Volksbühne. Die Etablierung als Performance-Theater mit Regisseuren wie Schlingensief und Pollesch, bis zu 2015, wo Castorf vom Senat abgesägt wurde, und schließlich seine letzte Vorführung. Doch das ist noch nicht der Schluss.


Denn der Ausnahme-Regisseur steht auch nach der Übernahme der Volksbühne durch Decron weiter in den Schlagzeilen. Zum Berliner Theatertreffen im Mai wurde u. a. Castorfs »Faust« ausgewählt, der dieselbige auch dem Belgier und dem Berliner Senat zeigt, indem er Decrons Angebot das Stück in der Volksbühne aufzuführen erwartungsgemäß ausschlug. Die geplante Aufführung zum Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele wird der hiesigen Regierung eine halbe Million kosten.

Mi., 21.02. , 18.00 Uhr, International
Do., 22.02. , 13.00 Uhr, CineStar 7
So., 25.02. , 13.00 Uhr, Cinestar 7

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