Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah

Regie: Mike Siegel
115 Minuten (OmU)
bereits erschienen auf DVD am: 14.8.2009

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Der Peckinpah-Experte und -fan Mike Siegel hat ein unabhängiges und finanziell schwierig zu realisierendes Filmprojekt über den Ausnahmeregisseur realisiert, das fast unbemerkt nur auf DVD erschienen ist.

Es ist keine filmhistorische Abhandlung über Peckinpah, sondern vor allem eine Biographie über einen an der Filmindustrie gescheiterten und in der Öffentlichkeit umstrittenen Künstler, der über sich sagte: »All my life, everything what I am is upon that screen.« Es ist die Ballade über Sam Peckinpah, die bisher nur seine engsten Mitarbeiter, Schauspieler und seine Familie kannten. Gleichzeitig ist Mike Siegels Audiokommentar auch ein persönlicher Fanbericht.

Das Zitat von Sam Peckinpah hören wir gleich zweimal in der Eröffnungssequenz, während die Kamera den Drehort von Mapaches Hazienda (THE WILD BUNCH, 1969) einfängt. Mike Siegel verweigert sich Peckinpahs Selbsteinschätzung und sagt gleich zu Beginn im Audio-Kommentar, dass es ihm nicht um das Werk des Regisseurs geht, sondern um Peckinpahs Leben, um ein Leben, dass – so Siegel — »sehr schwer zu erfassen ist«, weshalb sich das Projekt über Jahre hinzog. Ein weiterer Grund, warum der Film, welcher 2000 seinen Ausgangspunkt nahm, erst jetzt und nur auf DVD erscheint, sind die komplizierten finanziellen Rahmenbedingungen unabhängigen Filmeschaffens – dazu später ein paar Randbemerkungen.

Gleich zu Beginn sehen wir Peckinpah bei seinen letzten Dreharbeiten, zwei Monate vor seinem Tod: bei einem Videoclip-Dreh irgendeiner Band. Wie konnte er so tief absteigen?

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Joel McCrea in RIDE THE HIGH COUNTRY (1962)

Biographische Kindheitsspuren erzählt Peckinpahs Schwester, Fern Lea Peter: Sie sind in den Bergen aufgewachsen. Der Großvater war Richter und Anwalt, und die Familie züchtete Vieh. Die damals Fünfjährige erinnert sich an den letzten Viehtrieb: Sie weinte als die Ohren der Kühe für die Erkennungsmarken aufgeschlitzt wurden, weil das Blut spritze. Der Großvater war resolut: »Wenn du heulst, verschwinde von hier!« — »Ein gewisses Verhalten wurde von uns erwartet….Es gab viel Ehre und Dinge, die man besser nicht tat.« — Das Thema, dass Ehre, Moral, Integrität in einer sich verändernden, gewalttätigen Welt an Bedeutung verlieren, zieht sich wie ein roter Faden durch Peckinpahs Filme. Gleich in seinem zweiten Spielfilm, der Spätwestern RIDE THE HIGH COUNTRY (SACRAMENTO, 1962), legt er seinem alterndem Westernhelden (Joel McCrea) die Worte seines Vaters in den Mund: »Alles was ich will, ist mein Haus als rechtschaffener Mann zu betreten.« — Sich nicht Verkaufen, kein Einknicken, sauber bleiben.

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Sam Peckinpah bei Dreharbeiten

Während der Dreharbeiten zu SCARAMENTO, seinem gerade mal zweiten Spielfilm, kommt es zum Knatsch mit MGM. Die Dreharbeiten im Freien sind zu teuer und ohne den Regisseur zu informieren, verlegt sie MGM kurzerhand ins Studio. Das war keine Provokation, sondern offenbar Ausdruck, welchen Stellenwert man in Hollywood dem Regisseur beimaß.
»All my life, everything what I am, is upon that screen« — MGM ist aber nicht an einem Kunstwerk interessiert, sondern daran möglichst schnell aus der tiefen finanziellen Krise zu kommen. Dafür brauchte Metro-Goldwyn-Mayer vor allem massenkompatible Filme.

Beim nächsten Peckinpah-Film MAJOR DUNDEE (1965) kommt es zum großen Knall: Gleich zu Beginn sagt der neue Produzent, Jerry Bresler, er werde den Film zerstören. (So, wörtlich Peckinpah aus dem Off.) Und so passierte es auch: Er zerschnitt den Film. Peckinpah wehrte sich, jagte Produzenten vom Set – und landete auf einer inoffiziellen »Schwarzen Liste«. Er erhielt keine Aufträge mehr.
Mit dem Studiosystem und Peckinpah knallten zwei Welten aufeinander: eine Kinoindustrie in der Krise vs. einem Mann, dem Ehre, Rechtschaffenheit, Integrität und Kunstwerk extrem wichtig waren. Und einem Mann, der nicht nur einfach ein Regisseur war, sondern, der für seinen Film bis zum äußersten ging.

Denn so resolut er gegenüber den Studios war, so sprang er auch mit seinen Schauspielern um. Hauptsache sie lieferten ihm das, was er sehen wollte. Besonders deutlich wird das bei den Dreharbeiten zu STRAW DOGS (Wer Gewalt säht, 1971 – in Deutschland Dank Mike Siegel seit 2007 unverstümmelt erhältlich).

Straw-Dogs

Die Medien urteilten über Peckinpah zwiespältig, aufgrund seiner ausufernden Gewaltdarstellungen. New-Yorker-Kritikerin Pauline Kael bezeichnete STRAW DOGS (1971) als »ein faschistisches Kunstwerk«.

So, Produzent Dan Melnick: »Dustin [Hoffman] in the beginning was very close to her [Susan George] and they were together all the time. He was relating to her and Sam [Peckinpah] was relating to her as the character David related to the character Amy. And as their marriage started to fell the strain [im plot, K.], they startet behaving to her in that obscene way, with that strain and hostility….«

Peckinpah manipulierte und kontrollierte die Schauspieler und wandte dabei sehr unschöne Methoden an.

Trotzdem fand er aber immer wieder Unterstützer und somit konnte er das Drehbuch zu THE WILD BUNCH umschreiben, dass er schließlich mit Warner umsetzte. Und er drehte JUNIOR BONNER (1971) mit Steve McQueen. Die schon X-mal verfilmte Geschichte um Pat Garett und Billy the Kid setzte er wieder mit MGM um, die den Film erheblich schnitten. Die Dreharbeiten waren eine Zerreißprobe für die gesamte Crew und Peckinpah permanent betrunken. BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA (1971) und THE KILLER ELITE (1975) blieben erfolglos und Peckinpah hatte inzwischen starke Probleme mit Alkohol und Drogen. Die Angebote blieben aus. 1977, als Peckinpah den Kriegsfilm STEINERDAS EISERNE KREUZ, seinen vorletzten Film, drehte, waren die Dreharbeiten deutlich von Peckinpahs Alkoholproblemen überschattet. Er trank bis zu vier Flaschen Schnaps an einem Drehtag.

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Filmplakat zu THE WILD BUNCH (1969)

PASSION & POETRY ist eine Collage von Talking Heads (u. a. James Coburn, Ernest Borgnine, Kris Kristofferson, Senta Berger, Ali MacGraw, L. Q. Jones, R. G. Armstrong, Mario Adorf), die unzählige Anekdoten erzählen, Standfotos, Aufnahmen vom Filmdrehs, Tonbandaufnahmen und Interviews mit Peckinpah sowie Ausschnitten aus Werbetrailern der Peckinpah-Filme. Trotz großer Aufmerksamkeit und positiver Resonanz für sein Projekt und der Teilnahme an verschiedenen Filmfestvials konnte Mike Siegel keinen Finanzier finden. Ein geplanter ARTE-Themenabend, der den Film hätte mitfinanzieren können, scheiterte an einem einzelnen Menschen (!) im ZDF. Um das Projekt doch noch durchziehen zu können, blieb Siegel nur ein Ausweg: Er musste die teuren Filmclips rausschneiden und mit Auszügen aus Werbetrailern versehen.

PASSION & POETRY setzt eine Kenntnis der Peckinpah-Filme voraus, denn plots werden nicht erzählt. Andererseits weckt der Film auch soviel Interesse, dass man durch ihn inspiriert wird, sich diese Filme (noch mal) anzusehen.

Weiterführende Links:

Auf die Gewalt, eines der am meist diskutierten Themen im Zusammenhang mit den Filmen von Peckinpah, bin ich kaum eingangen. Der Artikel »Mythologie und Gewalt in Sam Peckinpah’s Western The Wild Bunch« widmet sich diesem Thema.

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Ein Kommentar zu Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah

  1. Timo sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag, ich wusste nichts von der DVD und bin selbst Peckinpah-Fan bzw. -Untersucher. Lange nicht mehr einen informativ so dichten und angenehm schwungvoll geschriebenen Artikel gelesen.

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