FILMKRITIK: Sag mir, wo die Schönen sind — Miss Sozialismus im Westen

Regie: Gunther Scholz
Deutschland 2008
90 Min.
16.2., 15.30 Uhr, Colosseum

1989 suchte die Leipziger Volkszeitung die »Miss Leipzig 1989«. Gerhard Gäbler fotografierte die Bewerberinnen an ihrem Arbeitsplatz oder zu Hause und nahm zufällig ein Tonbandgerät mit. Gunter Scholz zeigt, was heute aus den jetzt Anfang 40jährigen geworden ist und konfrontiert sie mit den Fotos und Tonaufnahmen. Eine Feel-Good-Documentury, die noch ein kleines bisschen DDR-Alltag festhält, aber vielmehr beleuchtet, wie die DDR-Frauen im Heute angekommen sind.

Sie habe alle eine Gemeinsamkeit, die neun Frauen, die Scholz vor die Kamera geholt hat: Sie haben sich zu DDR-Zeiten für einen Schönheitswettbewerb in Leipzig beworben. Ein Schönheitswettbewerb im Sozialismus. Gleich zu Beginn des Films findet der Regisseur eine passende Metapher dafür, die ihm eine der Frauen im Interview liefert: So wie die Häuserfassaden in der Messestadt Leipzig auf Anweisung der Regierung gut aussehen mussten, so sollte auch die sozialistische Frau gut aussehen. Aber hinter den Fassaden verfiel alles. Wie sah es damals aus, in den Köpfen der Bewerberinnen?

Die Erste, die Gunther Scholz mit den Tonbandaufnahmen konfrontiert, fällt fast um vor Lachen. Sie erkennt sich einfach nicht wieder. Groß rauskommen wollte sie. Obwohl sie eigentlich schon damals nichts Schöneres kannte als Straßenbahn fahren. Beruflich versteht sich. Aber man hat es eben mal probiert. Heute trägt sie Briefe aus, denn in Westdeutschland, wo sie jetzt lebt, gibt es keine Straßenbahn.

Eine ehemalige Pionierleiterin betrachtet das Foto, das Gäbler von ihr am Arbeitsplatz geschossen hatte. In FDJ-Bluse im Pionierleiterzimmer. Sie hatte damals kein gutes Gefühl mit dieser Berufswahl, hatte sich in irgendetwas verrannt. Das Foto trifft es. Unsicherer, unglücklicher Gesichtsausdruck. Die Fotos von Gäbler versuchen aufzudecken,  wie sich die Bewerberinnen damals gefühlt haben. Auch wenn die sich heute nicht mehr so recht erinnern. Aber wirkliche Ausbruchsversuche waren das nicht. Was gab es schon bei einer »Miss Leipzig«-Wahl zu gewinnen? Ein Foto in der Leipziger Volkszeitung vielleicht.

Ines ist die einzige, die heute noch auftritt. Das Duo »Hacki und Ines« singt zum Akkordeon sonntags auf der Wiese Volkslieder, begleitet von dickbäuchigen und rotgesichtigen Männern, die sich gelbe Bierzeltplörre hineinschütten. Ines lebt dort, wo sie auch schon damals, 1989, gewohnt hat. In einer kleinen Neubauwohnung, die Tapeten inzwischen vergilbt, die Wohnung eng. Zwischen den Kuscheltieren auf der Couch ein Leipziger Messemännlein. Warum solle sie hier ausziehen, wenn sie nicht muss.

Der Kontrast zu Ines ist die harte Karriere-Frau: Eine, die die PR-Agentur »MitteMedia« gegründet hat, mit Schwerpunkt Agenda Setting. Mittlerweile hat sie eine Filiale in Dubai, die gut läuft. Doch zwischen den Extremen Ines und der »MitteMedia«-Frau gibt es auch noch die anderen: Eine Hebamme und eine, die als ehemalige Salzstangenfabrikarbeiterin in einem kleinen Hotel als Reinigungskraft arbeitet. Es ist auch eine dabei, die nur zu Hause ist, weil ihre Definition von Glück eben Familie heißt. Besser hieß. Gerade während der Dreharbeiten stürzte das schöne Gebäude Familie zusammen — denn das Paar lebt in Scheidung und die Frau, umgeben von Kindern, ist kaum fähig vor der Kamera zu sprechen. Eine andere wiederum hat ihr Glück an dem Tag gefunden, als sie eine kosmische Erscheinung hatte. Eine ist arbeitslos.

Der Dokumentarfilm lotet Begriffe wie Freiheit, Glück und Erfüllung aus, Dinge, die sich die Bewerberinnen mit dem Titel für »Miss Leipzig 1989« wohl damals alle ein bisschen erhofft hatten. Kurz darauf kam der »goldene Westen«, der für viele der Inbegriff von Freiheit und Glück war. Dem Regisseur gelingt es, die Komplexität und Zwiespältigkeit des sogenannten freien Westens herauszuarbeiten. Mit dem heutigen Rückblick beschreibt Scholz lebendige DDR-Geschichte, die es nicht mehr lange geben wird. In wenigen Jahrzehnten muss man wohl schon in den Archiven suchen.

Die ehemaligen Schönheitsköniginnen unterscheiden sich kaum noch von den Westfrauen, auch wenn einer der verheirateten Männer in der Doku der Meinung ist, Ostfrauen seien weniger anspruchsvoll. Der Depp hat noch nicht begriffen, dass Miss Sozialismus inzwischen längst im Westen angekommen ist.

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2 Kommentare zu FILMKRITIK: Sag mir, wo die Schönen sind — Miss Sozialismus im Westen

  1. Rainer Hässelbarth sagt:

    Großes Kompliment an den/die Macher! Da wird auch meine Geschichte erzählt, unaufgeregt, sachlich, nichts vertuschend. Hoffentlich hat der Filmemacher auch einen Verleiher, damit dieses Kunstwerk in die Kinos kommt

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