Shotgun Stories — eine Choreographie der Rache

USA 2007
Regie: Jeff Nichols
Länge: 92 Minuten
Kinostart: 8.10.2009

Ein neuer Film des amerikanischen Independent-Kinos zerstört ganz beiläufig den Hollywood-Mythos von der perfekten Rache. Absolut empfehlenswertes Drama aus Arkansas mit fabelhaft aufgelegten (Laien-)Schauspielern.

Der alte Hayes war ein Mann mit zwei Gesichtern. Nach jahrelangem Trinken hatte er ein christliches Erweckungserlebnis. Er hörte mit dem Trinken auf, verlies seine Familie und gründete im Nachbarort eine neue. Wird erfolgreicher Farmer. Die verlassene Frau kommt über die Trennung niemals hinweg. Ihre drei Söhne werden im Hass auf den Vater großgezogen, während er der neuen Familie ein treusorgender Gatte und liebevoller Vater war. Die Vergangenheit hat er begraben. So tief, dass er die eigenen Söhne verleugnete, denen er nicht einmal Namen zugestanden hatte. Sie heißen Son, Boy und Kid. Namen für Hunde. So leben nur wenige Meilen voneinander entfernt zwei Familien in erbittertem Hass. Dann stirbt der alte Hayes.

Son, Boy und Kid wagen es, zur Beerdigung zu gehen. Son hält am offenen Grab eine kurze Rede, in der er vom anderen Hayes spricht, dem Hayes, der ihm Vater war. Zum Schluss aber spuckt er auf den Sarg. Die drei Brüder werden gewaltsam von der Beerdigung vertrieben. Gleich danach beraten die Brüder der neuen Familie, wie diese Blasphemie gerächt werden kann. Was nun folgt, ist die präzise Choreographie der Blutrache. Obwohl jedem der Beteiligten die Unvernunft ihrer Handlungen erkennbar ist, kann sich doch keiner ihrer logischen Folgerichtigkeit entziehen. Innerhalb beider Lager gibt es die eher vernünftigen Parts, die vergeblich zu mäßigen versuchen, und die Heißsporne, die die Eskalation vorantreiben.

Die Stärke des Films besteht darin, die Gewaltakte niemals zu zeigen. Es ist unnötig. Zu oft hat man die Mechanismen der Rache gesehen. Die Regeln der Eskalation sind bekannt: Jede Handlung der einen Seite erfordert die Gegenhandlung der anderen, jede vollzogene Rache erfordert die Gegenrache. So konzentriert sich Nichols ganz auf das psychologische Innenleben seiner Figuren, der Frage, warum sie einfach keinen Ausweg aus dem archaischen Denkmuster finden.

Der Film erzählt in einer lakonischen Ruhe, zeigt immer wieder die Weite der Landschaft Arkansas mit seinen Baumwollpflanzungen. Doch unter der schönen Oberfläche lauert die Gewalt. Als Zuschauer kann man die ruhigen Bilder nie wirklich genießen, weil immer schon der nächste Gewaltausbruch droht.

Die Rache ist ein schwieriges Konstrukt ohne Ende. Im Grunde will jede Rache den Konflikt beenden. So wird wiederkehrend auf beiden Seiten immer wieder gesagt: »Irgend jemand wird das beenden müssen.« Aber jedes Ende ist nur wieder ein Anfang für die Gegenseite. Die Crux ist also, dass der Konflikt ins Unendliche weitergeht, obwohl beide Seiten eigentlich ernsthaft an einem Ende interessiert sind.

Nichols selbst beschreibt die Intention zu seinem Film so: »In der Literatur, im Film, in der Politik oder der Gesellschaft wird Rache, genauer gesagt: das Rachenehmen, häufig als Erfolgsgeschichte dargestellt. Ob es Edmund Dantès in >Der Graf von Monte Christo< ist, der seinen Schwur, Danglars zu ruinieren, einlöst, oder ob der Terrorist Hans Gruber in >Die Hard< zu Tode kommt.« Diesen Rachemythos zerstört Nichols‹ SHOTGUN STORIES: »Rache kann niemals erfolgreich sein.«
Nach dem Film gab es im Delphi minutenlange Ovationen für den Regisseur.
Dieser Artikel wurde während der Berlinale 2007 geschrieben.
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