Alle Anderen/Mitte Ende August — Stimmt die Chemie? — Deutsche Filme über die (Un)Möglichkeit von Beziehungen

MITTE ENDE AUGUST
Sebastian Schipper
92 Min.
Deutschland 2009

ALLE ANDEREN
Maren Ade
119 Min.
Deutschland 2009

mitte-ende

Milan Peschel in Höchstform: MITTE ENDE AUGUST (Forum).

Zwei äußerst interessante Filme, made in Germany, diskutieren partnerschaftliche Beziehungen. Sowohl Schipper als auch Ade haben Theaterschauspieler improvisieren lassen. Schipper nahm Anleihen bei Goethe und produzierte trotzdem einen sehr eigenständigen Film, der vor allem durch schauspielerische Leistung glänzt, und Ade führt einen Tiefendiskurs über die Schwierigkeit einer harmonischen Beziehung.

Frei nach den »Wahlverwandtschaften« von »olle« Goethe, einem Autor, der mich überhaupt nicht ins Kino lockt, verfilmte Schipper einen Film über das Paar Thomas und Hanna, das sich in Brandenburg ein Landhaus kauft und so lange glücklich ist, bis ankommende Verwandte und Bekannte die Beziehung stören.

Sebastin Schipper hat mit Goethe auch nicht viel am Hut, obwohl er ein bisschen damit kocketiert, wie fasziniert er von dem Buch gewesen sei, ohne aber sagen zu können, warum. Er gibt sogar zu, sich wie ein »Dieb« bedient zu haben — das ist das beste, was er überhaupt machen konnte. Nichts ist unerträglicher, als die arschlangweiligen Literaturverfilmungen, die immer an der Vorlage kleben bleiben und nichts Eigenes entwickeln — man kennt sie ja zur Genüge.

Schipper klaut sich also die Idee Goethes und improvisiert mit einer Handvoll Theaterschauspielern, also solchen, die wirklich spielen können. Herausgekommen ist ein Schauspielerfilm, der einfach schön anzusehen ist und Spaß macht: Milan Peschel als Thomas geht völlig ab und spielt den quirligen, völlig aufgedrehten, niemals erwachsengewordenen, symphatischen Allrounder. Er bestimmt die erste Hälfte des Films. Doch sobald er sich zurücknimmt — er merkt, dass Hanna (Marie Bäumer) sich von ihm zurückzieht — verliert der Film. Es gibt nochmal einen Höhepunkt, als der Vater von Hanna (Gert Voss, derzeit beim Wiener Burgtheater verpflichtet) die Bühne betritt: Dieser Typ hat einen Fünf-Minuten-Auftritt und schafft es in dieser Zeit, alle an die Wand zu spielen — keine Wunder, man gucke sich seine Bühnenerfahrung und sein Repertoire (Peymann, Tabori, Zadek, Langhoff) einfach mal auf Wiki an.

Switch back to »olle« Goethe: Soweit ich mich erinnere, ging es in »Wahlverwandtschaften« um die Analogie zwischen menschlichen Beziehungen und chemischen Elementen: Ein Element hat zum anderen Element eine Affinität, es verbindet sich oder aber es stößt das andere ab. Das hängt von der Anzahl der Elektronen ab. (Hießen die Teile auf der äußeren Schale so?) Dieser Vergleich ist ganz nett, aber irgendwie banal komisch.

Schipper »klaut« sich diese Grundidee und löst sie szenisch sehr gut auf: Zum Beispiel, wenn der Bruder von Thomas (André M. Hennicke), beruflich pleite, von seiner Frau und den Kindern verlassen, bei einem nächtlichen Mahl Hanna zuflüstert, wie Scheiße es ihm eigentlich geht, so stimmt die Chemie zwischen den beiden, denn Hanna geht es ähnlich. Doch dann platzen die andern hinein und zerstören diese negative Affinität.

Es finden sich eine Menge sehr gut entwickelter Szenen, aber wie bei jedem interessanten Film, gibt es auch etwas zu meckern: Die Figuren sind sehr unausgewogen. Die Frauen-Figuren habe ich nicht so richtig verstanden und finde es schade, dass sie nicht zu Ende entwickelt wurden. Anna Brüggemann (Augustine) und auch Marie Bäumer (Hanna) gehen unter im Spiel der Männer: Ihre Motive, ihre schauspielerischen Qualitäten kommen nicht so zur Geltung.

Trotzdem: Ein sehr interessanter, unterhaltsamer, schöner und sehenswerter Film, der einfach unheimlichen Spaß macht.

In ALLE ANDEREN von Maren Ade gibt es gewisse Parallelen — und trotzdem ist dieser Film einfach anders. Wie auch in MITTE ENDE AUGUST sehen wir mit Birgit Minichmayr (Gitti) und Lars Erdinger (Chris) Bühnenschauspieler. Dieser Film ist vor allem ein Kammerspiel, ein Beziehungsdrama, das um 22.30 Uhr in der Urania, dem übermüdeten Berlinale-Besucher sehr viel abverlangt — und — was mich angeht — ihn trotzdem bei der Stange halten kann. ALLE ANDEREN ist eine interessante und ausgeflippte Beziehungsstudie.

ade

Ein Tiefendiskurs über die Möglichkeit und die Unmöglichkeit einer Beziehung. In Maren Ades Beziehungsdrama ALLE ANDEREN treiben Chris und Gitti ein seltsames Spiel miteinander. (Wettbewerb).

Kurz der Inhalt: Gitti und Chris machen Urlaub auf dem italienischen (oder war es griechischem) Grundstück von Chris´Eltern und haben vor allem eins: Viel Zeit, sich anzuöden, viel Zeit, alles durchzukauen. Und diese Spielerei miteinander, findet dann 119 Minuten lang extrem dialoglastig statt. Dafür hat nicht jeder Zuschauer oder jeder Kritiker die Nerven. Man muss sich schon ein bisschen auf den Exkurs von Ade einlassen können.

Wie auch in MITTE ENDE AUGUST wird die Beziehung zwischen Gitti und Chris gestört, jedoch nicht so brachial, sondern mit leiseren Tönen. Da gibt es den Freund der Eltern, Hans. Er hat ein Nachbargundstück. Gitti und Chris haben eigentlich gar keinen Bock auf eine Begegnung mit ihm und verstecken sich. Es gibt eine extrem lustige Szene, als die beiden den Nachbarn im Supermarkt erspähen und vor ihm flüchten wollen, doch dann hat er sie entdeckt und schon sind sie auf ein Essen festgenagelt.

Das abendliche Essen, im Film nimmt es nur wenige Minuten ein, verändert die Beziehung zwischen Gitti und Chris sofort. Nicht, dass wir wieder bei Goethe und seinen Elementen angelangt wären — ALLE ANDEREN — ist weniger banal als Goethe: Sana, die Frau von Hans (Nicole Marischka, tolle Schauspielerleistung) erwartet ein Baby. Sie erzählt, dass sie letzte Nacht einen Alptraum hatte: Ihr Kind war eine Giraffe, mit der, wer will es ihr verübeln, sie nicht so richtig klar kam. Doch dann kommt der starke Mann an ihrer Seite, Hans, und hilft ihr mit dem schwierigen »Baby«. Schnell wird klar, dass Hans der Retter in ihrem Alptraum ist und Sana das untergeordnete Rehlein. Gitti und Chris bekommen eine Beziehung in völliger Harmonie vorgeführt. Ade zeigt das in wenigen Minuten. Geniale Szene.

Doch wo liegt das Problem zwischen Gitti und Chris? Nach Goethes Theorie wären die beiden zwei abstoßende Elemente: Gitti, eine ausgeflippte Frau, die von Chris mehr Risiko fordert — im Beruf, im Urlaub — hat sich dummerweise in einen Langweiler verliebt, der berufliche Sicherheit will und abends im Urlaub keinen Bock mehr auf Disko-Rumzieherei hat. Das wäre zu einfach.

Ursula Werner, (»Wolke Neun«) Gastkritikerin bei Radio Eins, interpretierte Ades Drama politisch-soziologisch: »Ich betrachte das als eine heutige Schwierigkeit, sorgenlos leben zu können. Die jungen Männer haben Schwierigkeiten, sich im Leben zurechtzufinden, was die Arbeit angeht. Sie haben keine feste Basis mehr, Liebe, verbunden mit Familie, Kinder, aufzubauen…« (Radio-Eins-Live-Mitschnitt: Interview Knut Elstermann mit Ursula Werner in der Maxx-Bar)

Geht es wirklich um soziale Sicherheit, die die Beziehung so disharmisch ablaufen lässt?
ALLE ANDEREN ist kein Sozialdrama. Dass Chris als Architekt um Aufträge ringt, ist ein Nebenthema, das Ade zwar streift, doch darum geht es nicht substantiell. Es geht um die partnerschaftliche Beziehung an sich. Daran reiben sich beide und das macht den Film unheimlich interessant: Keiner von beiden ist bereit, eine Rolle einzunehmen. Sie wollen sich nicht festlegen, sie wollen nicht so sein, wie sie vom anderen wahrgenommen werden (und sie wissen auch gar nicht, wie der andere sie wahrnimmt); Dadurch haben sie auch eine gestörte Selbstwahrnehmung.

Ades Film ist schon fast ein philosophischer Diskurs über die glückliche oder unglückliche Beziehung. Die Regisseurin verhandelt auch das Thema Selbstaufgabe: Hat sich Sana aufgegeben, um in einer glücklichen Beziehung mit Hans leben zu können? Was ist, wenn man nicht dazu bereit ist, sich selbst aufzugeben? Gitti ist es nicht.

ALLE ANDEREN ist für mich bisher einer der interessantesten Filme der Berlinale — er verlangt Konzentration und Ausdauer.

MITTE ENDE AUGUST
13.02., 22.15, Cubix 9

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Ein Kommentar zu Alle Anderen/Mitte Ende August — Stimmt die Chemie? — Deutsche Filme über die (Un)Möglichkeit von Beziehungen

  1. Lore Peiffer sagt:

    Ziemlich arrogant, Goethe als banal zu bezeichnen.
    Man sollte seine »Wahlverwandtschaften« erstmal lesen, um zu verstehen, mit welcher Konsequenz dort die Entfremdung eines Paares und die Tragik, die aus sexueller Hörigkeit entsteht, bis zum bitteren Ende getrieben werden.
    Schippers Film beruft sich auf Goethe, ist allerdings bestenfalls davon angeregt, macht halt etwas ganz anderes daraus — was durchaus legitim ist. Nur stört die Berufung auf die »Wahlverwandtschaften« bei der Rezeption — m.E. wäre es besser, wenn man die beim Betrachten des Films gar nicht im Hinterkopf hätte.

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