Substitute (Forum) — Ersatzspieler sind die einsamsten Menschen auf der Welt

Dokument eines Scheiterns
Regie: Fred Poulet, Vikash Dhorasoo
Frankreich 2006
72 Minuten
englische UT

Vikash Dhorasoo

Bewertung:»Trotz unscharfer Bilder mit zum Teil eigenwilligen Bildausschnitten und nicht synchron laufendem Ton ist SUBSTITUTE von einer nicht zu leugnenden melancholischen Schönheit. Der Film ist der persönliche Bericht über eine Enttäuschung.« (Le Monde)

Durch Zufall las der Fußballspieler Vikash Dhorasoo einen Artikel über sich, geschrieben vom Sportjournalisten Fred Poulet. Sie lernten sich kennen und Poulet gab Dhorasoo eine Super-8-Kamera, damit er seine persönlichen WM-Erlebnisse filmt. Damit beginnt der Film: Poulet erklärt Dhorasoo die Super-8-Kamera, die ohne Ton filmt und bei der keine Aufnahme länger als drei Minuten dauert. Wer schon einmal Super 8 gefilmt hat, weiß, was das bedeutet: Die Kamera ist extrem laut und im Vergleich zu den kleinen Digicams ein umständliches Riesenungetüm. Das Filmmaterial ist empfindlich und schwer zu handhaben. Aufnahmen nebenbei und Schnappschüsse kann man vergessen. Man muss sich ganz konzentrieren. Genau das war der Hintergedanke Poulets: Dhorasoo sollte nicht wahllos 100 digitale Bänder mit unüberlegtem Zeugs vollfilmen, sondern er sollte wenige konzentrierte Aufnahmen machen. Herausgekommen ist ein einzigartiges Dokument eines gescheiterten Sportlers auf der Ersatzbank. Ein Antifilm des Profifußballs.
Die Aufnahmen sind alles andere als professionell: Verwackelte, unscharfe, unterbelichtete Bilder — doch sie haben eine ungeheure Aussagekraft. Immer wieder tauchen die leeren, einsamen Gänge der Hotels, vier weiße Wände und Dhorasoos hoffnungsloses Gesicht auf. Was auffällt: Die Abwesenheit von Menschen, seinen Mitspielern, dem Team.

Da die Super-8-Kamera keinen Ton hat, benutzt Dhorasoo ein Tonbandgerät, das er anfangs wenig, später immer häufiger einbezieht. Deshalb hat Poulet zu Beginn des Films viele Telefongespräche mit ihm hineingeschnitten. Von Spiel zu Spiel hofft er dort auf einen lohnenden Einsatz — letztendlich stand er während der gesamten WM nur sechzehn Minuten auf dem Rasen. Über seinen Ziehvater Domenech, der für die Auswahl der Spieler verantwortlich war, sagt er: »Ich war sein Sohn, und er lässt den Sohn des Nachbarn spielen!« Wenn er mal auf dem Feld ist, übergibt er irgendjemandem die Kamera. Davon gibt es nur ganz wenige Aufnahmen und wer ihn dort sieht, weiß genau, dieser Mann hat sich längst aufgegeben. Er läuft ganz gerade und stocksteif. Nach dem Sieg gegen Brasilien im Viertelfinale taucht er auf einmal zwischen den feiernden Teammitgliedern auf, doch dann dreht er sich ganz plötzlich um und geht vom Feld. Als ob ihm im Überschwang ein Ausrutscher passiert wäre.
Im Laufe der WM gewöhnt sich der Spieler des früheren Erstligisten Paris St. Germain an das technische Equipment. Er stellt sich vor den Spiegel in seinem Hotelzimmer, legt sich aufs Bett, spricht ins Tonbandgerät und versucht sich zu rechtfertigen: Auch wenn er jetzt der Außenseiter sei, könne er später zumindest nicht sagen, er wäre dabei gewesen? Wenn er in diesen tragischen Momenten plötzlich in den Postkartenjargon überwechselt, »ich habe gut gegessen, vermisse aber meinen Schokoladenkuchen«, ändert sich die Tonlage ins Komisch-Banale. Absolute Sitcom ist auch ein Opa in irgendeinem deutschen Kaff, der die muckende Super-8-Kamera reparieren soll. Das wird noch von Poulets Kamera gefilmt, der ihn zu Beginn begleitet. Jedenfalls will der Opa — absolut berechtigt — herausfinden, warum zum Teufel heute im Zeitalter der Digitalisierung jemand auf Super 8 filmt. Er macht das sehr dezent, aber der Zuschauer weiß genau, worauf er hinaus will, da er genauso denkt. Diese Szene ist witzig. Doch die tragische Qualität des Ersatzspielers liegt so hoch, dass die wenigen deutschen Provinzszenen dem Ganzen nur einen genialen Hauch des Tragikkomischen geben können. Ein paar mehr davon und dieser Film wäre vielleicht ein Publikumsrenner. Natürlich bekommt eine tragische Figur immer den Publikumsbonus und weckt mehr Sympathien als die erfolgreiche. Das liegt offenbar in der Natur des Menschen. Man erinnere sich nur an das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft beim Italienspiel. Doch reicht dieser Umstand aus, um zu erklären, warum ein, nach Publikumsquote gemessen, erfolgreicher deutscher Kinofilm, der die WM aus einer anderen Perspektive schildert und der von professioneller Digi-Hand gefilmt wurde, um so vieles schlechter ist als ein verwackelter Super-8-Film eines Amateurs?

Kurz nachdem Poulet Dhorasoo die Super-8-Kamera gezeigt hat, sieht der Zuschauer ein paar Jungs, die mit einer lockeren Behendigkeit kicken, als wäre es ihnen angeboren. Nichts davon steckt mehr in Dhorasoos Bewegungen. Doch er spielt in der Nationalmannschaft und war mal ein Erstligist. Er ist zwar oben angekommen, doch eigentlich ist er ein Nobody unter den Stars. Aber zu gut, um in der Ligue Fédérale du Football Amateurs zu spielen. Wenn man im Profisport ganz unten steht, ist man schlimmer dran als ein Amateur in irgendeiner Liga. In diesem Film verbirgt sich eine kritische Sprengkraft bezüglich des Profisports. Was dieser anrichtet und auf welcher Ebene dort verhandelt wird, bassiert auf Erfahrungen, die nur Insider kennen. Kein Wunder, dass der französische Fußballverband über »Substitute« nicht gerade begeistert war. Dhorasoo wurde aus seinem Verein ausgeschlossen.

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