The Art Of Negative Thinking (FFF) — Denk doch einfach mal negativ!

Regie: Bård Breien
Norwegen 2006
79 Min.
Deutscher Kinostart: 18.9.2008

Geirrs therapeutische Methode: der Revolver (Foto: FFF)

In Bård Breiens schwarzhumorigem und »politisch (völlig) unkorrekten« Regiedebüt kämpfen der gelähmte Geirr und die Psychologin Tori um das beste Therapiekonzept: die Methode des Positive Thinking vs. die Kunst des Negativen Denkens. Der Regisseur bricht nicht nur gesellschaftliche Tabus, sondern dekonstruiert sie auch als verheerend.

Nach einem schweren Unfall ist Geirr an den Rollstuhl gefesselt und impotent — ein wahrer Grund schlecht drauf zu sein. Das kostet er auch mit aller Intensität aus. Kiffend vergräbt er sich in sein dunkles Zimmer, sieht blutige Kriegsfilme oder hört die späten Alben von Johnny Cash.

Seine Frau Ingvild kann sich das nicht länger mit ansehen und plant eine Überraschung: Sie lädt die Psychologin Tori ein, die kurz vor der Veröffentlichung ihres Buchs steht, in dem sie ihre Methode des positiven Denkens vorstellt. Als Beweis für den Erfolg ihres Therapiekonzepts hat sie eine Gruppe Behinderter mitgebracht. Alle gemeinsam sollen Geirr nun davon überzeugen, wie wunderbar das Leben trotz seiner Widrigkeiten doch ist, vorausgesetzt man beherrscht das positive Denken. Doch das hat Geirr gerade noch gefehlt und so benebelt er die ankommende Meute erst einmal mit einem Feuerlöscher.

Toris Konzept des positiven Denkens besteht darin, aufkommende depressive und nihilistische Gedanken ganz schnell in einen »Scheißbeutel«, ein selbstgehäckeltes buntes Hippiesäckchen, zu sprechen, um sich dann wieder ausführlich den konstruktiven, zielfördernden und positiven Dingen des Lebens hinzuwenden. Doch Geirr hat keinen Bock darauf und infiziert mit seiner negativen Haltung die ganze Truppe. Noch bevor die Psychologin bis drei zählen kann, sitzen ihre Schäfchen schnapstrinkend da und »spielen«: »Wem geht es am miesesten?« — Der hat gewonnen.

Bård Breien ist mit seinem Regiedebüt THE ART OF NEGATIVE THINKING eine herrlich unkorrekte und schwarzhumorige Komödie gelungen. Das »Scheißsäckchen« steht symbolisch für das gesellschaftliche Tabu, einfach mal offen auszusprechen: »Ich fühl mich total Scheiße, bin impotent und behindert.« Das Komische beruht also auf Normverletzungen, auf Tabubrüchen. In Sigmund Freuds Studie »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« schreibt der Psychoanalytiker, dass der Witz aus Regel- und Normverstößen bestehe und für kurze Zeit die gewohnte, soziale Ordnung auf den Kopf stelle. Damit habe er auch eine medizinische, weil kathartische, Bedeutung.

Die Kunst des negativen Denkens quasi nach Freud ist also das therapeutische Gegenmodell von Geirr, das er bis zum Exzess betreibt. Er reißt tabusierte Behindertenwitze und deckt »politisch korrektes Verhalten« gegenüber Behinderten als scheinheiliges und falsches Getue auf. Alle dürfen endlich mal das tun, was sie bisher nicht durften: Sich richtig intensiv auskotzen, Drogen nehmen, sich Gehen lassen. Es wird einfach mal Tacheles geredet. Nichtbehinderte sind von der Party ausgeschlossen!

Bård Breiens Komödie geht noch einen Schritt weiter, als lediglich Tabus zu verletzen. Er stellt die gewohnte, soziale Ordnung als falsch und verheerend da. Er dekonstruiert die im sozialen Bereich weitverbreitete Methode des positiven Denkens als eine verheerende Lüge, die Konflikte lediglich kaschiert. Denn sobald Geirr die Psychologin aus dem Haus geprügelt hat und den ganzen Einfluß auf die Gruppe ausübt, brechen die verborgenen Probleme erst so richtig auf. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Person, die am intensivsten von der Methode des positiven Denkens überzeugt war, eigentlich am tiefsten in der Scheiße steckt. Die Person mit der höchsten Fallhöhe hat es also wieder mal erwischt — früher oder später wäre sie ohnehin mit dem Problem konfrontiert gewesen. Mit einer noch größeren Fallhöhe.

Aber man darf beruhigt sein, denn der Film bewahrt die Genrekonvention der Komödie, wenn doch auf seine Art — nach der Methode des negativen Denkens. THE ART OF NEGATIVE THINKING kann man der Behindertenkomödie zurechnen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Tabus zu brechen. Dass die Skandinavier Meister in politisch unkorrekten Filmen sind, haben sie mit dieser Tragikkomödie einmal mehr bewiesen.

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2 Kommentare zu The Art Of Negative Thinking (FFF) — Denk doch einfach mal negativ!

  1. Pingback: Die Kunst des Negativen Denkens / Kunsten Å Tenke Negativt (Filmkritik) « Kreativrauschen

  2. Steffen sagt:

    Dieser Kommentar spricht mir echt aus dem Herzen.
    Gute Arbeit Kleo.
    gruss
    Steffen

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