ADAPTION: THE ROAD — Was wäre, wenn du der letzte Mensch wärst?

Regie: John Hillcoat
USA 2009
111 Minuten
Kinostart Deutschland: 7.10.2010
Der apokalyptische Film stellt die Frage nach dem „Menschen an sich“ und arbeitet dabei, nach einem Bestseller von Cormac McCarthy (No Country for Old Men), mit realistischen Mitteln. Die zentrale Frage beantwortet Hillcoat religiös. Obwohl sich der Regisseur eng an die Vorlage hält, ist der Film doch vollkommen anders.
 

Ein Vater (Viggo Mortensen) wandert mit seinem Sohn durch düstere Walder. Bis auf wenige Insekten lebt kein einziges Tier mehr. Kalt ist es, nass und teilweise liegt Schneepulver auf den Wiesen. Nie scheint die Sonne. Ein immerwährender Herbst an der Grenze zum Winter, vielleicht eine Naturkatastrophe. Zahlreiche Autowracks und vermoderte Leichen zeugen auch vom Untergang des Menschen, denn die Übriggebliebenen sind entweder Kan-nibalen oder deren Opfer.

Dazwischen gibt es nichts, außer Vater und Sohn. Der Vater lebt dem Sohn – er ist ein Hinein-geborener und kennt die Zivilisation nicht – das Menschlichsein vor: Sie essen nur die paar Insekten, die sie finden können, vielleicht Wurzeln und Konserven aus leeren Häusern. Leiden lieber Hunger als einen anderen zu töten. Den Vater treibt nur der Beschützerinstinkt an, eine Reduzierung auf einen einzigen Lebensinhalt, den die Mutter nicht aushielt. Wozu ist der Mensch im Außersten fähig? Vater und Sohn gelangen in ein scheinbar verlassenes Haus mitten im Wald. Innen finden sie eine Bodentürverriegelung, die vielleicht in einen Keller mit Vorräten führt. Sie tasten sich mit nur einer Kerze in das dunkle Gewölbe hinein. Gang für Gang. Im hintersten Raum finden sie schließlich etwas Schreckliches: vollkommen abgemagerte Kreaturen, teilweise verstümmelt – Konserven, die mal Menschen waren, lebendig und damit frisch gehalten. Als sie fliehen wollen, kommen die Schlachter zurück. So reiht sich ein grauenvolles Erlebnis an das nächste.

Kannibalen auf der Suche nach Nahrung.
 
Sie aber gehören zu den „Guten“, versichert der Vater dem immer wieder fragenden Sohn, also zu denen, die andere nicht abschlachten. Er klingt dabei selbst nicht ganz überzeugt. Schließlich finden sie eine Vorratskammer voller Konserven. Der Himmel auf Erden in einem dunklen Erdloch. Doch das bedeutet natürlich auch wieder Gefahr, denn die anderen sind ebenfalls auf der Jagd nach Nahrung. Ausgerüstet mit Büchsennahrung ziehen sie weiter und angesichts dieses Schatzes, wird bald deutlich, dass der Vater den behaupteten Grundsatz vom guten und menschlichen Handeln in einer bösen Welt nicht konsequent zu Ende gehen kann. Er will Schwacheren und Hungernden nichts abgeben, das brauchen sie schließlich selbst. Sein Sohn hingegen empfindet Mitleid gegenüber noch Schwächeren. Etwas später holt der Vater nicht nur Hab und Gut, das ein Dieb ihnen kurz zuvor gestohlen hatte, mit Gewalt zurück, sondern er bestraft den Dieb, indem er ihn seiner Kleidung beraubt. Angesichts der Temperaturen: ein sicherer Tod. In dem Sohn regt sich Widerstand gegen seinen Beschützer. THE ROAD nähert mit kleinen Momenten der Frage, was wäre, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst? Würdest du moralisch menschlich bleiben? Thematisch unterscheidet sich THE ROAD damit deutlich von Genre-Filmen wie z. B. 28 DAYS LATER. Zwar geht es auch in Zombiefilmen um Fragen des humanen Handelns angesichts der Katastrophe, aber anders als dort, wird diese Entscheidung nicht abgeschwächt. In den Zombiefilmen hat der Mensch keine Wahl: Er muss Infizierte töten oder er wird selbst Menschenfresser. In Hillcoats Apokalypse gibt es immer noch eine Lücke, die diese Entscheidung trotz absoluter Hoffnungslosigkeit nicht abnimmt. Der Vater antwortet auf die Frage: „Was wäre, wenn Sie der letzte Mensch wären?“, nur müde: „Vermutlich würde ich es gar nicht wissen.“ Was macht menschliches Handeln noch für einen Sinn, wenn man nicht weiß, ob man der letzte ist? Würden die Opfer, denen man hilft, nicht vielleicht auch Kannibalen sein, wenn sie stärker wären? Mit dieser Ungewissheit muss man leben. Ein hohes Risiko, ein hoher Preis, nur um menschlich zu sein. Einerseits realistisch und existenziell.
 
Überlebenstrieb vs. Menschlichkeit
 
Anderseits: Die Dualität zwischen Vater und Sohn, die sich immer weiter zuspitzt und an der das Thema Menschlichsein abgehandelt wird, befriedigt letztendlich nicht. Der Sohn, mehrfach auch als „Gott“ bezeichnet, erscheint wie ein Mensch aus dem Nichts. Als wäre moralisches Handeln mit Empathie naturgegebenen und keine sozial erlernte Eigenschaft. Der Vater hat zwar dem Sohn gelehrt, andere nicht zu töten, aber Mitleid gegenüber Fremden in einer extrem aggressiven Umwelt von Täter und Opfer erscheint fast schon übernatürlich und übermenschlich. Und obwohl THE ROAD bis auf ein Buntglaskirchenfenster auf religiöse Symbolik verzichtet, beantwortet der Film die zentrale Frage dahingehend. Das zweite störende Element: Die Zuspitzung zwischen Gut und Böse in einem doch eher realistischen Film wirkt irgendwie platt. Diese Dichotomie, also „Nur-Gut“, „Nur-Böse“, „Nur-Opfer“. Der Vater bildet hierbei eine Ausnahme.
 

Viel mehr: Die Parabel von McCarthy.

 

 In Cormac McCarthys Bestseller, der 2007 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, funktioniert die Story – obwohl sich Hillcoat relativ eng an den Roman hält – vollkommen anders. Zunächst erweckt der Roman den Eindruck, dass McCarthy die Story als Parabel benutzt. So ist immer nur die Rede von „einem Vater” und „einem Jungen”. Nie erfahren wir ihre Namen. Keine Beschreibung ihres Aussehens, ihres Charakters. Sie reden nicht spezifisch, wie Figuren es tun. Alles ist extrem minimalistisch gehalten. Abgesehen davon, dass dies zur apokalyptischen Stimmung sehr gut passt, wirkt alles wie ein Sinnbild, das für etwas anderes steht. Die Apokalypse ist eine Parabel auf das Leben selbst, in dem alles an Bedeutung verloren hat, außer der Liebe zum eigenen Kind. Doch auch diese steht auf dem Prüfstand und man ist dem Tod und dem Nichts schon recht nahe. Es ist, als ob einer im Sterben liegt. McCarthy, so scheint es, hat alles Bedeutungslose aus dem Leben verbannt, wobei er versucht, die Bedeutung des Lebens selbst, zu erfassen:
 
Er (der Vater) hatte dieses Gefühl, das über die Benommenheit und dumpfe Verzweiflung hinausging, schon einmal gehabt. Dass die Welt auf einen rohen Kern nicht weiter zerlegbarer Begriffe zusammenschrumpfte. Dass die Namen der Dinge langsam den Dingen selbst in die Vergessenheit folgten. Farben. Die Namen von Vögeln. Dinge, die man essen konnte. Schließlich die Namen von Dingen, die man für wahr hielt. Zerbrechlicher, als er gedacht hätte. Wie viel war schon verschwunden?
 
Diesen Kampf verliert letztendlich der Vater, nicht aber der Erzähler (teilweise identisch. Siehe unten.) Diese Bedeutungsebene, und das ist die wichtigste im Roman, kann im Medium Film nicht funktionieren. Hier werden die Bilder und Figuren durch die Visualität konkret. Hillcoat hat THE ROAD dramatisiert. Um Spannung zu erzeugen, wird die Außenwelt, die extreme Witterung, die Jagd nach dem Essen, das Verstecken vor Kannibalen zum antagonistischen Prinzip, das wiederum zur Entfremdung zwischen Vater und Sohn beiträgt. Der Regisseur hat diese Szenen keinesfalls erfunden, sie sind alle bei McCarthy enthalten, stehen aber dort in dem größeren Kontext der Parabel. McCarthys Roman ist wenig dramatisch, vielmehr wandern Vater und Sohn unaufhörlich. McCarthy verwendet viel Zeit dafür, die Umgebung, die Witterung und die äußere und innere Verwüstung (im Kopf des Vaters) zu beschreiben. Das ist alles in wenigen Sekunden mit der Kamera erzählt. Zu den Raffinessen McCarthys gehört es ebenfalls, plötzlich, an wenigen Stellen, die Erzählperspektive zu brechen und mit „ich” weiterzuschreiben – als wäre der Erzähler plötzlich der Vater und könne den Abstand zu dieser Figur nicht mehr wahren. Hier Auszug einer Szene, wo der Junge auf einen anderen kleinen Jungen und einen Hund trifft, und Angst um beide Geschöpfe hat, vor allem aber um den Hund.
 
Er (der Vater) hielt den Jungen in den Armen, und nach einer Weile hörte der Junge zu zittern auf und schlief etwas später ein. Der Hund, an den er sich erinnert hatte, folgte uns zwei Tage lang. Ich versuchte erfolglos, ihn anzulocken. Ich machte eine Drahtschlinge, um ihn zu fangen. Im Revolver waren drei Patronen. Keine zu erübrigen. Sie (?) entfernte sich die Straße hinunter. Der Junge schaute ihr nach, dann schaute er mich an und dann den Hund, und dann begann er zu weinen und um das Leben des Hundes zu bitten, und ich versprach, dem Hund nichts zu tun.
 
Es ist vielfach behauptet worden, dass der Film im Gegensatz zum Roman eindeutig positiv ende – doch das Buch endet ebenfalls positiv (vom Standpunkt des allwissenden Erzählers) und negativ (vom Standpunkt des Ichs). Hier die letzte Szene am Ende – der Vater ist gestorben und der Junge trifft auf andere.
 
Als die Frau ihn sah, schlang sie die Arme um ihn und hielt ihn fest. Ich freue mich so, dich zu sehen, sagte sie. Manchmal sprach sie mit ihm über Gott. Er versuchte, mit Gott zu reden, aber am besten war es, mit seinem Vater zu reden, und er redete tatsächlich mit ihm und vergaß nichts. Die Frau sagte, das sei schon in Ordnung. Der Atem Gottes, sagte sie, sei sein Atem und werde doch durch alle Zeiten von Mensch zu Mensch weitergegeben.
 
Der Bruch in der Erzählperspektive – an nur wenigen Stellen des Buches – bekommt nun einen Sinn. Was nützt es dem Einzelnen, dass alles von Mensch zu Mensch weitergegeben wird? Der konkrete Mensch ist aus dem Spiel und darf sich im Sterben damit rumplagen, ob er dem Leben den richtigen Sinn gegeben hat oder aber, ob er es vergeudet hat. Außerdem muss er sich von der Welt lösen. Vom universellen Standpunkt aber aus betrachtet, ist der Tod notwendig und positiv. Das ist schwer einzusehen und das symbolisiert auch der Perspektivenbruch. Die Frage, die sich hier wiedermal stellt, ist, warum sich Regisseure an Stoffen versuchen, die ihre Stärken aus rein literarischen Mitteln ziehen. Gerade, wenn ein Roman vor allem eine Parabel ist, muss die konkrete Visualität des Kinos, und Hillcoat versucht auch keine neuartigen, experimentellen Mittel, daran scheitern.

Über kleo

Blogge über Filme.
Dieser Beitrag wurde unter FILM GIBTS AUCH IM ALLTAG abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.