Thirst – Vampir mit Herz

Regie: Chan-Wook Park
Südkorea 2009
133 Min.
Deutscher Kinostart: 15.10.2009 (MFA-Film)
! Kritik mit Spoiler !

Explosive Mischung aus konventioneller Literatur-verfilmung und blutrünstig-erotischer Vampirthematik (FFF09)

Der katholische Priester Sang-hyeon reist nach Afrika, wo der tödliche Emmanuell-Virus herrscht. Er stellt sich für Experimente zur Verfügung, die helfen sollen, die gefürchtete Krankheit zu besiegen. Doch er infiziert sich und stirbt klinisch, erwacht aber kurz darauf zu neuem Leben. Von nun an wird er von allen wie ein Auserwählter mit Wunderkräften behandelt, so auch von der Familie Ra. Dort trifft er seine unglückliche Freundin Tae-joo aus Kindertagen wieder, die als Waise von Frau Ra aufgenommen und als eine Art Aschenputtel gehalten wird. Frau Ra hat auch die Zwangsheirat mit ihrem trotteligen, ewig verschnupften und vulgären Sohn Kang-woo, veranlasst.

Der Priester wird zur wöchentlichen Mahjong-Runde eingeladen und bald entwickeln sich zarte Gefühle zwischen ihm und Tae-joo. Gleichzeitig muss Sang-hyen auch erkennen, dass er starken Durst auf Blut verspürt. Er leidet auch unter Sonnenunverträglichkeit, empfindlichen Sinnen und erfreut sich ungeheurer Körperkräfte. Der eingefleischte Priester gerät in einen unlösbaren Konflikt: Er braucht das Blut anderer, darf und will aber nicht töten. Seine Blutlust ist gleichzeitig gepaart mit körperlicher Lust und es dauert nicht lange, da fallen Tae-joo und er wild übereinander her. Tae-joo fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben glücklich und will Kang-woo loswerden. Als Sang-hyeon Wunden an ihrem Bein entdeckt, geht er davon aus, dass ihr Ehemann sie schlägt. Tae-joo überredet den Priester-Vampir, ihren Ehemann zu töten. Doch danach ist es nichts mehr so zwischen den beiden wie zuvor – sie können mit dem Mord nicht leben.

Die Geschichte um die unglückliche Waise, die zwangsverheiratet wurde und mit dem besten Freund ihres Mannes eine heimliche, leidenschaftliche Beziehung führt, was schließlich in einem gemeinsam geplanten Mord endet, adaptierte Park aus Zolas Roman »Thérèse Raquin« (1867). Ebenso die gegenseitigen Schuldzuweisungen und den gemeinsamen Selbstmord des Paares. Entsprechend konventionell ist auch die Liebes-Story und die Ausstattung: Das Wohndesign könnte auch aus einer Thomas-Mann-Verfilmung der 70er stammen. Die Anreicherung dieser Liebesgeschichte mit der Vampir- und Priesterthematik stammt aus Parks Feder, der auch das Drehbuch zu seinem Film schrieb. Visuell ergibt sich daraus einer interessante Mischung zwischen traditioneller Literaturverfilmung aus dem 19. Jahrhundert und blutigen Splatter- und ausgiebigen Sexszenen. Trotz des dramatischen Themas ist der Film stellenweise sehr schwarzhumorig. Mit der Vampir-Pristerthematik verändert der koreanische Regisseur Zolas Intention deutlich.

Vampir-Priester Sang-hyen: Kang-ho Song

Émile Zola, ein Vorläufer und Vorbild der Naturalisten, ging es hauptsächlich darum, das Wesen der »menschlichen Bestie« darzustellen. Dazu eigneten sich die Naturalisten verschiedenste Theorien an, wie den Positivismus. Diese suchten nach einer naturwissenschaftlichen Methode, um die menschlichen Handlungen zu erklären. Die Naturalisten interpretierten das streng als Input gleich Output. Das Fatale an dieser Theorie ist, dass sie davon ausgingen, dass die menschlichen Handlungen determiniert, also vollkommen unfrei sind.

Wenn Thérèse ihren Ehemann in Zola Roman also hasst, dann deshalb weil ihr Charakter neurotisch und unbefriedigt ist und dem ihres Ehemannes ruhig und passiv, entgegensteht. Ohne, dass sie eine Wahl hat. Sie wird also unfreiwillig zum Mord getrieben.

Bei Parks THIRST ist das wesentlich anders. Als Determinismus führt er die Vampirthematik ein, die zu unfreiwilligen Handlungen führt. Doch bei ihm haben auch Getriebene eine Wahl in der Art ihrer Mittel. So entwickeln sich in Sang-hyen und Tae-joo, zwei gegensätzliche Prinzipien des Vampir-Daseins: Nachdem der Priester erkennen muss, dass ihr Ehemann sie niemals geschlagen hat, ist die glückliche Beziehung zwischen den Beiden gestört. In einer dramatischen Geste in der Tae-joo dem Priester die alleinige Schuld für den Mord gibt, fordert sie ihre Tötung. Sang-hyen schlitzt sie auf, kann jedoch nicht mit ansehen, wie seine Geliebte stirbt. Er spendet ihr Blut und sie wird auch Vampirin. Während der Priester sich auch nach seiner Vampirwerdung moralisch-ethischen Grundsätzen verpflichtet sieht, lebt Tae-joo ihre Blut- und Mordlust bald mit aller Inbrunst aus. Er hingegen entwickelt einfallsreiche Ideen, auch noch als Vampir menschlich zu handeln. So richtet er sich seine »private Blutbank« ein, und zapft nur das Blut von Koma-Patienten, Selbstmördern und Krebskranken an.

Zum offenen Bruch zwischen den Beiden kommt es, als sie bei der Mahjong-Runde als Mörder entlarvt werden. Tolle Szene: Die inzwischen querschnittsgelähmte Mutter und einzige Mitwisserin versucht den Anwesenden das durch Blinzeln mitzuteilen. Die gesamte Mahjong-Runde rät wild wie bei einem Buchstabenquiz herum, während Tae-joo vergeblich versucht die Raterei zu verhindern. Als die Spieler endlich die richtige Lösung erraten haben, bleibt ihnen der Mund offen stehen. Leider haben sie aber nicht den Jackpot geknackt, sondern ihr Todesurteil gefällt. Tae-joo saugt alle mit Vergnügen aus — Sang-hyen ist entsetzt. Tae-joo kontert, sie sei ja schließlich kein Mensch und fühle sich keinen Grundsätzen mehr verpflichtet. Da er den Einfluss auf seine Geliebte nun endgültig verloren hat, bleibt ihm nur noch ein Ausweg.

Der Konflikt des Vampirwesens/Halbvampirs, töten zu müssen, ohne es zu wollen, ist nicht neu. Park greift es auf und thematisiert den inneren Konflikt zwischen Gut und Böse erneut. Kann ein blutsüchtiges Wesen, dass eigentlich kein Mensch mehr ist, trotzdem nach humanen Grundsätzen handeln? Neu ist, dass der Vampirpriester es tatsächlich schafft, diesen Wiederspruch zu lösen. Er bleibt human und ist doch gleichzeitig ein Vampir. Park entwickelt damit eine neue Variante des Genres.

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