Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Regie: Tommy Lee Jones
D: Tommy Lee Jones, Barry Pepper
Drehbuch: Guillermo Arriaga
USA/Frankreich 2005
117 Min.
DVD: seit Dezember 2007

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Schuld in den USA und Sühne in Mexiko: der Büßende und sein Rächer

Warum das Regiedebüt von Jones, das in Cannes 2005, den Schauspieler- und Drehbuchpreis gewann, nicht regulär in unsere Kinos gelangte, ist nicht zu verstehen: THREE BURIALS verbindet herausragende Schauspielerleistung mit einer ungewöhnlich faszinierenden, makaberen Story. Mühelos werden Westernelemente, Sozialkritik, Religiös-Ethisches und Roadmovie kombiniert. Und die Namen Tommy Lee Jones, Luc Besson (Produzent) und Guillermo Arriga, der schon die Drehbücher zu Amores perros, 21 Gramm und Babel schrieb, sind schließlich auch hier zu Lande keine unbekannten.

An der amerikanisch-mexikanischen Grenze wird ein Mann tot aufgefunden, den gefräßige Coyoten ausgebuddelt haben: der Cowboy Melquiades Estrada.

Da er »sowieso nur ein Illegaler« war, ist der Sheriff an der Aufklärung des Falles nicht sonderlich interessiert. Im Gegenteil: Als herauskommt, dass ihn der neue Grenzpolizist Mike Norton (Barry Pepper) versehentlich erschossen und dann vergraben hat, soll es sogar vertuscht werden. Als der einzige Freund des Ermordeten, Pete (Tommy Lee Jones), davon erfährt, macht er den Gesetzeshütern einen Strich durch Rechnung und tritt einen ungewöhnlichen Rachefeldzug an. Er will den letzten Wunsch des Toten, in seiner mexikanischen Heimatstadt begraben zu werden, erfüllen. Gleichzeitig bestraft er damit Norton, indem er ihn barfuss und gefesselt durch die wahrhaft mörderische Wüste nach Mexiko laufen lässt.

Der erste Teil der Story wird nicht linear, sondern über Rückblenden erzählt: Norton zieht mit seiner bildhübschen Frau Lou Ann (January Jones) ins ländliche Texas. Durch Lou Anns Perspektive wird eine USA skizziert, die einem jede Lust nimmt, jemals dorthin zu reisen. Alles scheint von einer krankhaften apathischen Lähmung erfasst zu sein. Nintendo, Soaps, außerehelicher Sex und Shopping-Center-Besuche in dem viele Meilen entfernten Odessa sind die einzigen Abwechslungen. Wenn man nicht grad Grenzer, Cowboy oder Prostituierte ist, hängt man arbeitslos in kaltgetünchten Coffeeshops ab und beobachtet gelangweilt die fetten Vertreter der Underclass vor ihren Wohnwagen, wie sie ihre Hunde abschlecken: »Es ist wirklich anders hier«, sagt die alteingesessene Coffeeshop-Besitzerin Rachel zu Lou Ann und gibt ihr damit indirekt zu verstehen, dass, falls sie nicht lebendig begraben werden will, sich schleunigst davon machen sollte.

Dass Lou Ann sich an Norton gebunden hat, wird einzig dadurch legitimiert, dass er ihre alte Highschool-Liebe ist. Von Mike Norton nämlich geht etwas bedrohlich Psychopathisches aus. Er legt nicht nur ein abnormales animalisches Sexualverhalten an den Tag — jegliche menschliche Empfindung scheint ihm fremd. Obwohl keinerlei Hinweise auf Nortons Vergangenheit zu finden sind, scheint alles darauf hinzudeuten, dass er ein traumatisierter Soldat zu sein scheint. Das erklärt seinen Hang zur Brutalität, der ihn auf illegale Einwanderer hemmungslos und unnötig einschlagen lässt; das erklärt seinen Schussreflex, der ihn Melquiades Estradas unbeabsichtigt töten lässt. Dass Nortons Unmenschlichkeit nicht erklärt wird, lässt ihn umso mehr zum Täter werden. Vorerst ist er noch kein Opfer.

Obwohl Tommy Lee Jones in Cannes den Preis für die beste schauspielerische Leistung erhalten hat, steht ihm Barry Pepper (Soldat James Ryan) in nichts nach. Er spielt den Mike Norton so herausragend, dass wir ihn mit jeder fortschreitenden Minute immer widerwärtiger finden, um dann im zweiten Teil des Films, die Glanzleistung zu vollbringen, dass man mit ihm leidet, statt die Rache herbeizuwünschen. Selten hat man auf der Leinwand eine so glaubwürdige Schuld-und-Sühne-Wandlung gesehen wie Barry Peppers Mike Norton. Sein Leidensweg ist dabei so intensiv, wie er vorher abstoßend war: Wenn er seine Frau plötzlich in der Küche von hinten nimmt und dabei die Augen verdreht wie ein verendendes Tier, während sie sich genervt und gelangweilt auf den Küchenbrett abstützt.

Doch auch Pete Perkins durchläuft eine 180-Grad-Wandlung. Eben war er noch ein unbedeutender Cowboy, der dem Sheriff nur kleinlaut vorwarf, dass man seinen besten Freund Melquiades Estrada ohne sein Beisein beerdigt hatte. Als er jedoch erkennen muss, dass die Rechtsstaatlichkeit versagt, wird er zu einem gottgleichen souveränen Rächer, der einen unwillkürlich an Jules (Samuel L. Jackson) in Pulp Fiction erinnert. Mit dem Unterschied, dass Jules sich dies selbst suggeriert, um seine Verbrechen zu legitimieren. Diese selbstreflexive Ebene scheint THREE BURIALS erst einmal zu fehlen — Pete Perkins wird damit wirklich zu Gottes Ebenbild, der dem Sünder Menschlichkeit und Reue einbleut.

Damit wechseln Pete Perkins und Mike Norton die Rollen von Opfer und Täter. Und sie wechseln, politisch gesehen, die Seiten. Mit Pferden und der immer stärker verwesenden Leiche von Estradas reisen sie aus einem Einwandererland in ein armes Auswandererland. Der eine unfreiwillig, fluchend und gefesselt. Kurz bevor sie die Grenze passieren, stoßen sie auf einen blinden alten Mann, einem Seher, der an die griechischen Mythen erinnert. Er äußert den makaberen Wunsch, getötet zu werden. Perkins verweigert ihm diesen Wunsch mit der Begründung, nicht in Gottes Ungnade fallen zu wollen. Kurz darauf erfüllt der Seher seine Funktion. Eine Herde von Grenzpolizisten und Sheriffs verfolgen Perkins und seine Geisel. Der Seher hat gefühlt, dass die beiden »gute Menschen« seien, und behauptet gegenüber den Verfolgern, sie nicht »gesehen« zu haben. Die, die Amerikaner aus ihrer Perspektive verfolgen, nämlich einen Geiselnehmer und seine Geisel, hat er auch wirklich nicht »gesehen«. Er hat also nicht gelogen und den Verfolgern wird der Weg abgeschnitten.

Die Rache, die Pete Perkins ausübt ist biblisch, denn sie bedeutet zugleich Vergebung. Doch zuvor muss Mike Norton seinen früheren Opfern, den inzwischen wieder zurückgeschickten Flüchtlingen, begegnen. Und er muss den gleichen Weg beschreiten, den die Flüchtlinge auch gegangen sind, viele mehrfach – zu Fuß, in glühender Hitze, zu Tode erschöpft, in ständiger Gefahr vor Grenzern, wie Mike Norton, oder Klapperschlangen. Nachdem Norton durch Buße menschlich wird, begegnet ihm ein Mexiko, das sich von den USA um vieles unterscheidet. Vielleicht deshalb, weil er nun überhaupt erst mitfühlen kann.

Statt einem Lagerfeuer umringen mexikanische Cowboys mitten in der Wüste einen Fernseher und sehen sich die gleiche amerikanische Soap an, die auch Lou Ann gesehen hat. Sie verstehen jedoch kein Wort. Als Norton, die Soap zum ersten Mal bewusst registriert, bricht er in Tränen aus. Natürlich aus ganz anderen Gründen als die Mexikaner glauben wollen. Diese befinden die Telenovella nun für gut. Der, der vorher zu keiner menschlichen Regung fähig war, wird zum Gefühlsbarometer.

Am Ende scheint die Mission Perkins nicht ganz aufzugehen. In einer surrealistisch anmutenden Bar mit schrägen Klavierklängen, inmitten der mexikanischen Wüste, lässt er sich mit Tequilla volllaufen und verliert seine göttliche Souveränität. Die Heimat, in der Estrada unbedingt begraben werden wollte, lässt sich nicht finden. Und doch finden Perkins und Norton einen Ort, von dem man sich nicht so ganz sicher sein kann, ob es der gemeinte war. Sie begraben den stark Verwesten zum dritten Mal — diesmal mit Würde. Und als Norton echte Reue zeigt, entlässt ihn Pete Perkins in die Freiheit, mit den Worten: »You can keep the hourse…SON

Nach zwei Dritteln von THREE BURIALS, glaubt man, ihn verstanden zu haben, doch dann ist man überrascht. Am Ende ist man sich nicht mehr sicher, ob Perkins tatsächlich der göttlicher Rächer ist. Sein bester Freund scheint gelogen zu haben — vielleicht aber auch nicht. Nur weil Perkins an ihn glaubt, nur einmal ganz kurz zweifelt, gelangt er zum Ziel: seiner Rache, seiner Mission, seiner Glaubwürdigkeit.

Es ist egal wie man diesen Film interpretieren will. Er zeigt, dass nur der, der glaubt, zum Ziel gelangt. Und mit Glauben, ist nicht unbedingt der biblische gemeint, sondern der Glauben in seiner Essenz. Losgelöst vom falschen Balast der Ideologie, der Religion oder der Politik. Dieser Begriff, der somit eigentlich nicht benennbar ist, weil ihm immer etwas Falsches anhängt, bedeutet Macht, Stärke, Souveränität und Unabhängigkeit. Dazu gehört am Ende auch ein bisschen Zweifel, denn man weiß nicht, ob Perkins hervorragend blöfft, in dem er nur vorgibt, den richtigen Ort gefunden zu haben. Oder, ob es deshalb der richtige Ort ist, weil Perkins ihn dazu erklärt.

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