FILMKRITIK: Twenty Cigarettes — Zwanzig Einstellungen und zwanzig Raucher

Regie: James Benning
USA: 2010
Länge: 20 Zigarettenlängen (99 Minuten)

19.2. CinemaxX 4 22.00h
20.2. Delphi 14.00h

Rauche eine Zigarette und ich sage Dir, wer Du bist. Als „Experimentalkino“ möchte ich die Einstellungsfilme von Benning nicht mehr bezeichnen, denn Experiment impliziert, dass man experimentiert. Jedes Mal das gleiche Prinzip mit anderen Objekten mag zwar in den Naturwissenschaften als Experiment gelten, aber nicht im Film.

James Bennings Markenzeichen ist die statische Einstellung und deren Länge. Nach Seen,
Himmelsausschnitten und Güterzügen widmet er sich mit TWENTY CIGARETTES nun dem Menschen.
Immerhin eine Steigerung zu immer komplexeren Objekten! Schon in RR (Railroad), lässt er die Einstellungen durch die Güterzüge begrenzen. Die Dauer der Durchfahrt am Kamerastandpunkt bestimmte die Länge. In TWENTY CIGARETTES ist es die Zigarettenlänge, die der Raucher oder die Raucherin selbst bestimmen. Da es nichts Komplexeres gibt als den Menschen – es sei denn, Benning holt Außerirdische vor die Kamera – dürfte seine Serie damit beendet sein.
 In TWENTY CIGARETTES rauchen zwanzig Menschen jeweils eine Zigarette und werden dabei gefilmt. Die Wirkung ist ein bisschen so ähnlich wie hinter der Scheibe eines Cafés zu sitzen und draußen die Leute zu beobachten. Man überlegt, was das da wohl für ein Typ ist. Man wird es nie erfahren – genauso wie in TWENTY CIGARETTES. Nur im Abspann werden die Namen und die Länder eingeblendet. Anders als im Café wissen die Leute in Bennings Film aber, dass sie von der Kamera und später von einem Publikum beobachtet werden. In gewisser Weise ist es eine Provokation, Menschen vor der Kamera unentwegt quarzen zu lassen, nachdem die Zigarette aus dem Kino verbannt wurde. Aber sie ist nur sekundär, bestimmt lediglich die Begrenzung der Einstellung und lässt den Gefilmten selbst bestimmen, wie lange er sich diesem Voyeurismus aussetzen möchte. Im Vordergrund von TWENTY CIGARETTES steht das menschliche Portrait: Raucher zu beobachten und mich dabei zu beobachten, wie ich Menschen beurteile. Ich erschaffe mir meine narrative Struktur selbst. Benning wählte die Nah-Einstellung, so dass Gesicht, Mimik, Ausschnitt der Oberbekleidung und eventueller Schmuck deutlich sichtbar sind. Hinzu kommt ein Ausschnitt des Hintergrunds, Straße, Wohnzimmer, Garage und die Geräusche der Umgebung. In den ersten paar Sekunden, der Raucher ist gerade erst dabei, seine Zigarette anzuzünden, versuche ich seine Nationalität zu erraten. Der erste Raucher ist ein junger Asiate. Vielleicht ein Japaner. Seine allererste Zigarette kann noch nicht allzu lange her sein, er raucht unroutiniert. Grinst ab und zu vor sich hin, am Ende hüstelt er gar ein wenig, wohl weil er ein bisschen zu hektisch Backe geraucht hat – er will die Show so schnell wie möglich beenden.
Nur einer, der für mich wie ein Brite aussieht, kommt auf die Idee, die Zigarette auf den Boden zu werfen und darauf herumzutreten. Viele gucken um die Kamera herum, gucken mal nach links oben, mal nach rechts unten. Gucken Geräuschen hinterher: Hubschrauber, Schüssen, Autos. Eine ältere Frau mit Perlenohrring und -armband und einem feinen Wollpullöverchen, sie sieht aus wie eine Oberschichten-Lady aus einer Vorstadtvilla, starrt als einzige ziemliche frech und irgendwie arrogant in die Kamera. Ich will, dass sie ihre Zigarette möglichst schnell zu Ende raucht, damit ich sie nicht mehr sehen muss. Eine andere Frau, ich halte sie für eine russische Arbeiterin einer Kolchose (ich weiß, sie gibt es nicht mehr), ist mir sympathisch. Im Publikum bemerke ich plötzlich, dass jemand ungeniert filmt. Was ist das denn? Als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass es Ulrich Gregor ist. Mag er auch die russische Kolchose-Bäuerin? Ja, denn während des Abspanns erfahre ich, dass es in Wirklichkeit Sharon Lockhart war. Es wäre schön, wenn James Benning mal wieder einen richtigen Experimentalfilm machen wurde. Vielleicht zur Berlinale 2012?

 

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