United Red Army (Forum) — Japans linker Terror

Regie: Wakamatsu Koji
Japan 2007
190 min.

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Die letzten Stunden einer Terrorgruppe: Die Überlebenden machen sich auf den Weg.

Der Dokumentar- und Spielfilm beschäftigt sich mit der studentisch-kommunistischen Terrorgruppe United Red Army aus Japan. Sie gründete sich Anfang der 70er und ermordete die Hälfte ihre Mitglieder. Der Film ist ein einzigartiges Dokument: Der Regisseur, einst Sympathisant des Szene, bringt seine starke Betroffenheit zum Ausdruck und inszeniert kammerspielartig einen beispiellosen, innergemeinschaftlichen Terrorakt.

13.2., 17.30 Uhr, CineStar 8, OmE
14.2., 12.30 Uhr, Delphi, OmU
15.2., 20.00 Uhr, Cubix 9, OmE
17.2., 12.30 Uhr, Arsenal 1, OmU

In den späten 60er Jahren radikalisierten sich auch in Japan studentische Gruppierungen. Die Amerikaner hatten ihre Militärbasen für den Vietnamkrieg errichtet und die Gesellschaft war vollkommen auf einen prowestlichen Konsumkurs eingeschworen. Insbesondere an Japans Universitäten entstanden kommunistische Protestbewegungen, aus denen sich 1971 die Terrorgruppe Japanische Rote Armee (JRA), die besonders im Nahen Osten für Aufsehen sorgte, formierte. Ein Vorläufer der JRA war die United Red Army (URA), die aus 29 meist studentischen Mitgliedern bestand.
Der erste Teil des Films zeigt dokumentarisch, wie die URA aus zwei Splittergruppen entstanden ist. Unter Verwendung historischer Archivaufnahmen von Studentendemos, verbarrikadierter Unis und Polizeieinsätzen breitet ein Off-Erzähler eine ungeheure Menge an Fakten aus. In eingeflochtenen Spielfilmszenen werden die einzelnen Mitglieder vorgestellt sowie die ersten terroristischen Akte, wie Waffenbeschaffung, geschildert. Dieser Teil ist schwierig nachzuvollziehen, da er mit Details und Namen vollkommen überladen ist.
Der zweite und dritte Teil rekonstruiert die Entwicklung der URA bis zu ihrem Untergang. Dabei konzentriert sich der Regisseur auf zwei wesentliche Ereignisse: Dem Rückzug der URA-Mitglieder in zwei einsame Hütten in den Bergen, wo es zu einer beispiellosen Ermordung und Selbstzerfleischung kommt – 14 Mitglieder, das ist die Hälfte der Gruppe – werden durch die eigenen Leute ermordet. Wakamatsu inszeniert dies mittels nachkonstruierter Spielfilmhandlung, die er nur kurz durchbricht, wenn einer umkommt: Namen, Alter und Todestag werden schockartig eingeblendet.
Das zweite Ereignis ist die polizeiliche Belagerung einer Ferienlodge am Vulkan Asama. Drinnen haben sich die letzten vier überlebenden Mitglieder, die sich noch auf freiem Fuß befinden, mit einer Geisel verschanzt.
Der Regisseur Wakamatsu Koji, Jahrgang 1936, war bis in die 70er Jahre für seine Low-Budget-Sexfilme bekannt, die aber auch politischen Inhalt transportierten. In Japan nannte man ihn deshalb den »König des Pink movie«. Im Zuge der Studentenbewegung nahm er zunehmend die Rolle eines Repräsentanten der Untergrundbewegung ein. 1971 drehte er zusammen mit Adachi Masao, der dann selbst zur JRA ging, den Dokumentarfilm »Rote Armee – Volksfront zur Befreiung Palästinas, Erklärung des Weltkriegs«.
Als Sympathisant der Studentenbewegung ist Wakamatsu von den sinnlosen Morden innerhalb der URA als auch von den Ereignissen in der Lodge, wo zwei Polizisten erschossen wurden, persönlich stark betroffen. Das Einzigartige an diesem Film ist, dass der Regisseur Ereignisse verfilmt, die 36 Jahre zurückliegen und gar nicht erst versucht, Distanz aufzubauen. Daraus resultiert auch das offenbar gewollte Auseinanderfallen des Films: Im ersten Teil werden Fakten und Statistiken aufbereitet, im zweiten, dem Spielfilmteil, versucht er sich mit den Ereignissen auf selbstquälerische Weise auseinanderzusetzen. Das färbt auch auf den Zuschauer ab, der zu Beginn die Fakten interessiert, aber distanziert zur Kenntnis nimmt, irgendwann geistig abschaltet, um dann in einer Gewaltorgie aufzuwachen, die nicht enden will.
Der Terror innerhalb der Gruppe geht von zwei Führerpersönlichkeiten aus, Tsueneo Mori und der jungen Frau Niroko Nagata. Sie fordern von den Teilnehmern des Trainingslagers permanente Selbstkritik als eine Art Um- und Selbsterziehung. Doch in der Regel sind sie mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Die Opfer werden vor der ganzen Gruppe bestraft und gequält bis sie tot sind. Der Rest der Gruppe sitzt mit gesenkten Köpfen in der schummrigen Hütte und starrt betroffen auf den Boden. Manchmal werden sie auch für Psychospiele benutzt. Indem sie die Kameraden foltern, sollen sie ihre Bereitschaft für den Kampf zeigen. Tun sie es nicht, sind sie die nächsten. Das bewaffnete Training in den Wäldern interessiert den Regisseur gar nicht. Es geht ihm allein, um die Gruppendynamik, die nur von den beiden Leitfiguren ausgeht. Einige werden nach der Folter draußen im Schnee an Holzpfählen angebunden, wo sie offenbar verbluten, erfrieren, verhungern oder verdursten.
Das später stattfindende Gefecht in der Skihütte wird mit wackliger Kamera gefilmt, wie aus der Perspektive eines der eingeschlossenen Militanten. Sie nehmen sich eine Geisel. Die Polizei, die die kleine Gruppe schon per Hubschrauber verfolgte, wird damit gehindert, die Gruppenmitglieder zu verhaften. Der Kampf dauert zehn Tage bis das Gebäude schließlich gestürmt wird. Die Medien stürzen sich auf das Ereignis und der letzte Tag wird Geburtsstunde der langen Liveberichterstattung in Japan — zehn Stunden hintereinander wird berichtet — und zur Todesstunde der United Red Army.
Der Film endet dokumentarisch: Es werden Terrorakte einer anderen, viel bekannteren Terrorgruppe gezeigt, die aber den gleichen Ursprung hatte, wie die URA: Die Japanische Rote Armee tötete für die PFLP auf einem Flughafen in Israel 26 Personen durch Handgranaten und Maschinengewehren und sie ließ in einer Pariser Diskothek Bomben hochgehen. Sie verübte Terroranschläge auf Amerikaner in Westberlin, in Rom, in Madrid und vielen anderen Städten.
UNITED RED ARMY arbeitet die Geschichte des linken japanischen Terrors auf – aus der Sicht eines Linken. Wakamatsu entwickelt ein starkes Mitgefühl für die studentischen Opfer der United Red Army und rekonstruiert die Geschehnisse ihres sinnlosen Todes. Indem der Regisseur die Verbrechen der JRA bis in die späten 80er benennt, distanziert er sich von den Terrorakten und verurteilt sie.

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