FILMKRITIK: Unsane (Wettbewerb a. K. ) — Psychothriller ohne Thrill

Kurzerhand einfach mal eingewiesen. Claire Foy als Stalkingopfer Sawyer. © Fingerprint Releasing / Bleecker Street

Regie: Steven Soderbergh, USA 2018, 98 Minuten

Das Stalking-Opfer Sawyer, gespielt von Claire Foy (»The Crown«), will nur therapiert werden, doch stattdessen wird sie gegen ihren Willen stationär festgehalten, weil sie das Kleingedruckte nicht gelesen hat und weil sie ihren Peiniger (Joshua Leonard, »The Blair Witch Project«), der plötzlich als Pfleger auftaucht, reflexartig einen vor den Latz haut.

Soderbergh interessiert sich aber nicht für die Durchlässigkeit zwischen der sogenannten normalen Verfasstheit einerseits und einer krankhaften Psyche andererseits, denn Sawyer ist sich sehr sicher. Auch die Weitwinkelobjekte, die Soderbergh ab und zu auf das iPhone setzen lässt — der Film ist mit einem solchen gedreht, so, dass sie den Raum verzerren — reichen nicht aus, um aus Zuschauerpersektive eine Ambivalenz zu erzielen. Stattdessen wandelt er die Thematik in einen Psychothriller mit sanfter Kapitalismuskritik, dem aber absolut der Thrill fehlt.

Patient Nate gibt Sawyer den Hinweis, dass die psychiatrischen Anstalten mit dieser Methode die Krankenversicherungen abzocken, da jemand, der sich und andere gefährdet ohne richterlichen Beschluss bis zu sieben Tagen festgehalten werden kann. Wahrscheinlich gibt es im Bundesstaat Pennsylvania keinen Mangel an Therapieplätzen, zumindest in der Welt von »Unsane«.

Da Sawyer nun mit dem Stalker-Pfleger, der sich im Suspense auch noch zu einem Psychopathen steigert, eingeschlossen ist, hätte Soderbergh die Gelegenheit dazu nutzen können, in dem verwinkelten Klinikgebäude und dem düsteren Keller des Untergeschosses, einen echten Genrefilm zu drehen, um auf diese Weise Stalking erfahrbar zu machen. Doch er entwirft überhaupt keine Atmosphäre, sondern rotzt die Genredramaturgie hin. Oder besser, er arbeitet sie unlustig ab. Rückt stattdessen das Gespräch zwischen Opfer und Peiniger, die in einer Gummizelle im Keller einander ausgeliefert sind, als Klimax und gleichzeitige Vertiefung des Stalking-Themas in den Mittelpunkt, um ganz am Schluss noch mal, wieder recht unlustig, ins Genre zu wechseln.

Ob es am iPhone liegt, dass kein wirklich paronoides Gefühl aufkommen will? Wahrscheinlich liegt es eher daran, dass Soderbergh, der »Unsane« abseits des Studiosystems, das er 2013 stark kritisiert hatte, mit einem kleinen Team gedreht hat, wohl alles reinpacken wollte: Kritik am amerikanischen Kliniksystem, ein bisschen Genrefilm, ein kleines bisschen Selbstzweifel der Protagonistin — letzlich bedeutet ein bisschen von allem nichts richtig. Das ist insbesondere schade für Claire Foy, die nach der erfolgreichen Serie »Crown« nun so richtig hätte durchstarten können.

Der Film startet am 29.3. in Deutschland.

Fr, 23.9. , 09.30 Uhr, Friedrichstadtpalast
Fr, 23.9. , 18.00 Uhr, Friedrichstadtpalast

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