FILMKRITIK: Unter Kontrolle — das sterbende Monster

Regie: Volker Sattel
Deutschland 2011
98 Min

17.2. CineStar 8 19.15h
19.2. Arsenal 1 17.30h
20.2. Cubix 9 20.00h

Irdisches Vergnügen, statt Energie der Zukunft: Wunderland Kalkar

(Foto: Berlinale)

Ein Film über Kernenergie kommt genau zur richtigen Zeit. Wer aber eine Anti-Atomkraft-Doku erwartet, wird von UNTER KONTROLLE enttäuscht sein. Wer wissenschaftliche Aufklärung erwartet, ebenfalls. Der Dokumentarist Volker Sattel betrachtet das Thema eher etymologisch und mit großer Distanz. Seine These: Die Zeit der Atomenergie ist vorbei. Auf der einen Seite stehen die Wissenschaftler, auf der anderen die unbändige Angst vor dem Gau und dem Atommüll. Eine streitbare Doku.


Zuerst werden noch in Betrieb stehende Kernkraftwerke in Deutschland und Österreich gezeigt. Es folgen Behörden der Atomindustrie (IAEA, Institut für Risikoforschung Wien), dann ein Zwischenlager und das Endlager Morsleben. Zum Schluss sehen wir stillgelegte Atomkraftwerke und solche, die nie in Betrieb genommen wurden. Die Doku gelangt zu der m. E. streitbaren These, der Traum für die einen oder der Alptraum für anderen, ist beendet. Ich halte dies für sehr gewagt, jetzt nachdem Obama verkündet hat, eine neue Generation von „sicheren und sauberen“ Kernkraftwerken bauen zu wollen. Nachdem Asiens Industrien wie Pilze aus dem Boden schießen. Nach der Laufzeitverlängerung bei uns. Ist es nicht etwas verfrüht, diese Energiegewinnung zu den geschlossenen Akten zu legen?

Ein visueller Gewinn für den Film, Sattel kann aus diesem Blickwinkel heraus, das Thema mit ruhiger Distanz betrachten, anstatt die Pro und Contras der Talking Heads zu liefern. Wir sehen kühle Räume mit lauter Technik, einen Industriebetrieb, der eher einem Hollywood-SciFi-Blockbuster ähnelt. Wir hören kryptische Dialoge der morgendlichen Crew-Sitzungen, die sich mit Zahlen- und Buchstabenkolonnen beschäftigen. Sattel filmt den merkwürdigen Kontrast zwischen Kühltürmen und Naturidylle. Science, hier und jetzt, aber doch veraltet. – „Tschernobyl hat uns das Genick gebrochen“, so ein trauriger Verwalter eines stillgelegten Kraftwerks. UNTER KONTROLLE spürt den brennenden Fragen zwar nach, bohrt aber nicht tiefer. Angesichts der vielen Kubikmeter radioaktiven Abfalls, die im ERAM Morsleben gezeigt werden, erscheint Obamas Forderung utopisch. Ob es theoretisch jemals gelingen könnte, Kernenergie ohne Abfall zu produzieren, hinterfragt Sattel nie. Auch die Sicherheit wird beleuchtet, doch auch hier gewinnt die Doku keine Klarheit. Ja, ja, sie seien sicher, so die Inspektoren. Wenn ich Sicherheitsinspektor wäre, würde ich das auch sagen. Atomkraftwerke sind Hochsicherheitstrakts, auf der anderen Seite aber steht der Mensch mit seinen Fehlern und Irrtümern. Die AKWs seien so konstruiert, dass Bedienfehler ausgeschlossen sind, so die Inspektoren. Die Katastrophe von Tschernobyl belegt aber das Gegenteil. Ist es nicht auch ein Paradox, dass einerseits der Faktor Mensch während des Betriebs ausgeschlossen wird, der ganze Mechanismus aber andererseits vom Menschen konstruiert wurde? Kann es absolute Sicherheit überhaupt geben? In der Luftfahrt gibt es die Schweizer-Käsescheiben-Theorie: Jedes Loch stellt eine Sicherheitslücke dar. Legt man viele Käsescheiben übereinander, werden die Löcher geschlossen. Treffen durch Zufall aber viele Löcher an derselben Stellen aufeinander, kommt es zur Katastrophe wie 1986. Sattel findet keine Antworten, sucht aber auch nicht danach. Gezeigt wird lediglich der Kontrast zwischen Technikern und Wissenschaftlern mit ihrem kryptischen Gerede einerseits und den recht unbehaglichen Bilder der AKWs andererseits. Faszinierende, aber unheimliche Momentaufnahmen von unverständlichen Schalttafeln, der in Kühlflüssigkeit lagernden Reaktoren und der riesigen Sicherheitskomplexe. Die Schleusen und Kammern, in die die Mitarbeiter müssen, die mit der Strahlung in Berührung kamen. Der Wissenschaftler erscheint als ein in Hybris gefangenes Wesen, das einem Roman des beginnenden 20. Jahrhunderts entstiegen ist. Er beschwört eine Art Monster, von dem er behauptet, es kontrollieren zu können. Wenn man noch keine Horrorvision von Atomkraftwerken hatte, so bekommt man sie jetzt. Der Zuschauer kann sich dem Sog schwer entziehen. Die emotional stark aufgeladenen Bilder spiegeln das Unvorstellbare dieses gefährlichen, aber an sich rationalen Prozesses wider und die niemals restlos geklärte Sicherheitsfrage. Dagegen stehen die Wissenschaftler mit ihrer Rationalität. Das hat Volker Sattel überzeugend umgesetzt. Was fehlt ist sein Standpunkt – man sieht das, was man ohnehin schon weiß.

Epilog: Am Ende ein allegorisches Bild: das Wunderland Kalkar, ein Vergnügungspark, in dem ein schneller Bruter steht, der nie in Betrieb ging. Aus den Kühltürmern schwingt ein
vertikales Kettenkarussell. Die Menschen wollen lieber einfaches mechanisches Vergnügen, als in einer Zukunftsvision mit unbegrenzten aber gefährlichen Energien.

 

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