FILMKRITIK: Utopians — Feel united with a small World!

Regie: Zbigniew Bzymek
USA 2011
84 Minuten

12.2.Cubix 9 20.00h OmU
14.2.CineStar 8 11.00h OmU

UTOPIANS ist für mich ein Forumsfilm par excellence – ein Autorenfilm mit völlig schrägem, nicht ganz geglücktem Konzept und nicht der Hauch eines Genreansatzes ist erkennbar. Die ohnehin nicht zahlreich vertretene Presse rannte recht frühzeitig raus, die die blieben, harrten auch bis zum Schluss aus und verließen die Vorstellung mit einem Grinsen. Ich fand UTOPIANS höchst amüsant und absurd. Einer der wenigen diesjährigen Filme in dieser Sektion, die den Namen „Forum“ auch verdient haben.

Der Protagonist dieses LangfilmDebüts ist der Yoga-Lehrer Roger, gespielt von dem in den USA bekannten Underground-Theaterschauspieler John Fletcher. Seine dunkelhäutige und wie ein Mann aussehende Tochter Zoe (die aber fast schon zu dunkelhäutig ist, um wirklich seine Tochter sein zu können), ist lesbisch. Im Schlepptau hat sie die gutaussehende, schizophrene Maya, in die sie hoffnungslos, und ohne jede Spur einer Erfolgsaussicht, verliebt ist. Ein äußerst bizarres Ensemble! Diese schrägen Figuren wollen aus recht unerfindlichen Gründen ein gutbürgerliches Haus renovieren und restaurieren – gegen Bezahlung selbstverständlich. In einer Szene zuvor sieht man sie in einem Zelt im Wald campieren, vielleicht sind sie obdachlos und suchen ein Haus, in dem sie vorübergehend wohnen können.

Während Roger noch die Anweisungen der Hausdame und des Verwalters entgegennimmt, fühlen sich Zoe und Maya in dem Schlafzimmer der oberen Etage schon wie zu Hause. Maya probiert die Klamotten der Eigentümerin an und Zoe findet währenddessen das Attest, das ihr Schizophrenie bescheinigt. Wie Roger seine Yoga-Formel „Feel united with the world around you“ interpretiert, sehen wir in einer darauffolgenden Streitszene mit dem Verwalter. Dieser taucht auf, als das merkwürdige Trio gerade eine Tür abschleift. Er fordert sie recht unhöflich auf, die Arbeit sofort einzustellen. Er wolle die Tür lieber zu einem Tischler bringen lassen. Roger aber beharrt auf einem Restaurationsversuch. Der Verwalter bleibt jedoch dabei. Der Yoga-Lehrer versucht sich nun in der Kunst der Verhandlung. Der Verwalter bleibt ein sturer Bock. Daraufhin bietet Roger an, die erste, dünne Schicht abzutragen und wenn es dann nötig sei, könne man sie immer noch wegbringen. Der Verwalter lässt sich auf keinen Handel ein. Jeder weitere Versuch ist zwecklos. Roger bleibt nur noch eins: Ihm den Schlüssel wegzunehmen und ihn auszusperren. Rogers Konzept der Individuum-Weltvereinigung hatte diesen Ausgang natürlich nicht eingeplant.

Das absurde Scheitern von Kommunikation setzt sich im Yoga-Unterricht fort, als er einen unruhestiftenden Hund mitbringt. Er versucht zu vermitteln, denn er will den geliebten Hund, den er irgendwo gefunden hat, partout nicht allein auf der Straße lassen. Aber die Yoga-Schüler wollen natürlich nicht neben einem ununterbrochen winselnden Hund meditieren. Der Regisseur, der ebenfalls wie Fletcher, bisher nur für Theaterprojekte gearbeitet hat, obwohl er eine klassische Filmregie-Ausbildung in Lodz genossen hat, muss sichtlich Spaß beim Schreiben dieser Szenen gehabt haben. Diese spannungsgeladenen Dialoge sind auch Klasse anzusehen. John Fletcher bleibt ganz in seiner Rolle des idealistischen Yoga-Lehrers: Immer ruhig, immer argumentativ logisch, aber mit Nachdruck subjektiv. Ganz im Sinne der Fülle von Konfliktratgebern: Schildern Sie ihre Gefühle und das Gegenüber wird sie schon verstehen. Aber das Gegenüber versteht natürlich nicht. Jede konventionelle Komödie hatte das Konzept „Feel united with the world around you“ scheitern lassen, indem der Yoga-Lehrer als starrköpfiger und tumber Trottel dargestellt worden wäre. Dieser hatte dann mit einem großen dramatischen Knall erfahren, dass seine Weltwahrnehmung verdünnt idealisiert, während die Realität komplexer ist. Er wäre dann am Ende, bereichert um diese Erfahrung, ein großer Yoga-Meister geworden. Roger in UTOPIANS ist aber kein Blockbuster-Yoga-Trottel. Mit dem Hund überspannt er den Bogen vollkommen maßlos, rückt aber von seiner Position trotzdem nicht ab und der Zuschauer bleibt, von sich selbst überrascht, vollkommen auf seiner Seite. Am Ende – Surprise, Surprise – witzige Pointe: Feel united with the world, but a smaller one!

Die Funktion des Duos Zoe und Maya bleibt jedoch recht unergründlich. Laut Regisseur soll Mayas Schizophrenie, die unterschiedlichen Realitäten – mit denen Roger zusammenprallt – symbolisieren. Dazu braucht man aber viel Interpretations-Phantasie – Zoe und Maya sind schon so abseits jeder Norm, ruhen zu sehr in sich, als dass sie in irgendeine Interaktion mit dem Zuschauer treten könnten. Roger hingegen steht noch mit einem Bein in der Gesellschaft und oszilliert als eine Art Vermittler zwischen dem Ich und dem Wir hin und her. Ein interessanter Forums-Film, der auch eine eigene visuelle Sprache spricht. Bzymek hat viele Schwarzbilder montiert, die das Stück zerhacken und den Eindruck einer zerstörten Chronologie wecken sollen. Es ist mit „einer der nachhaltigsten Gitarrenimprovisationen seit DEAD MAN“ (Forumskatalog) unterlegt.

 

8.2.Cubix 7 15.00h OmU

 

Über kleo

Blogge über Filme.
Dieser Beitrag wurde unter Berlinale 2011, Forum abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.