Volle Kanne, Kinopanne!

Ich arbeite in einem Ein-Mann-Betrieb, d.h. ich bin die einzige Frau vor Ort.
Heute passierte mir folgendes: Zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn rasselte drinnen noch ein alter Klassiker durch den Projektor und ich befand mich als Ticket- und Getränke-Snack-Verkäuferin schon draußen im Foyer. In dieser Funktion hörte ich gerade einem Gast zu, der durch den Blick auf das Alphaville-Plakat wie von der Tarantel gestochen an eine Story aus der Urzeit des Kinos erinnert wurde. Nämlich, dass einige beim Anblick des Films gerufen haben sollen: »Geh nach Hause, Eddie.«

In meiner Funktion als Filmvorführerin war ich unruhig und konnte diese Erste-Hand-Story nicht wirklich würdigen. Ständig horchte ich nach drinnen, wann wohl der Film zu Ende sein mochte. Als Ticket- und Getränke-Snackverkäuferin ging das natürlich nicht, also stammelte ich höflich: »Äh.….« — Na ja, besser als nichts.
Der Gast half mir auf die Sprünge: »Dieser Science-Fiction-Film von Godard.«
Den kenn ich, aber… »Ja, ja, den kenn ich. Aber der war doch ganz spannend.« Keine Glanzleistung als Filmvorführerin, die war ja auch abwesend, aber ein netter Versuch einer Getränke-Snack-Ticket-Verkäuferin, der freilich nichts zu diesem Thema beitragen konnte, was von irgendeiner Bedeutung war.

Aus dem Saal drinnen kam kein Laut.

»Aber die Zuschauer fanden das gar nicht und sie wollten Eddie in dieser Rolle nicht.« -
»Eddie, welcher Eddie .… ach so, Sie meinen Eddie Constantine.« Als Filmvorführerin erinnerte ich mich plötzlich, diesen Film vor fünf Jahren mal ausschnittweise gesehen zu haben, wobei ich vor allem eine ganz, ganz tiefe Stimme beeindruckend fand, die ich beim Vorführen immer nachgeahmt habe. In meine Sekundenerinnerung hinein schellte die Alarmglocke. Ich musste dieses Eddie-Thema schnell beenden — die Sache mit der Stimme wollte ich lieber nicht erzählen: »Ich glaube, ich muss jetzt dringend mal rein. Der Film scheint zu Ende zu sein.«

- und richtig. Es war auch höchste Zeit. Die Ahnung betrügt am wenigsten. Im Saal angekommen. Leinwand dunkel. Kein Mucks von den Zuschauern. Mit großem Schwung öffnete ich die Saaltür und riss den Samtvorhang beiseite. Irgendetwas kam mir seltsam vor. Genau! Es war noch immer kein Mucks zu hören. Schemenhaft konnte ich erkennen, dass die Zuschauer keinerlei Anstalten machten, sich von ihren Plätzen zu erheben. Als Filmvorführerin stieg eine böse Ahnung (die am wenigsten betrügt) in mir auf, die sich in folgender Frage manifestierte: »War das jetzt das Ende oder ein Filmriss?« — »Ein Filmriss«, ertönte es prompt aus der Dunkelheit — Mein Güte, wie hat die Ahnung wieder mal Recht gehabt, dachte ich, und gleichzeitig (als Getränke-Snack-Ticket-Verkäuferin) -

oh nein, fünf Minuten vor Filmbeginn noch so ein Theater. Das haben wir gleich. Und wieder kann die Ahnung punkten: Ein Blick als Filmvorführerin zeigte mir, dass da nur noch sehr wenige Lagen Film auf der Spule waren. Als Verkäuferin rief ich pragmatisch in den Saal: »Nicht der Rede wert. Das ist jetzt höchstens nur noch eine Minute…« — »die wir aber gern noch sehen wollen.«

Ups — das kam unerwartet. Mit solch hartnäckiger Entschlossenheit hätte die Getränke-Snack-Ticket-Verkäuferin nicht gerechnet. Nur die Filmvorführerin hatte so eine Ahnung: diese Klassiker-Zuschauer bleiben hart, wollen jedes kleine Fitzelchen sehen, weil sie denken, da ist was drin verborgen. Etwas Höheres. In meiner Funktion als Filmvorführerin schloss ich also die Saaltür wieder, nicht ohne vorher als Getränke-Snack-Ticketverkäuferin noch schnell rauszurufen: »Kleine Verzögerung durch Filmriss.«

Als Filmvorführerin ging ich zum Projektor, wo ein böser Zwei-Meter-Quer-Riss sich in den Rollen verfangen hatte. Ich suchte die unbeschädigten Enden, schnitt mit chirgurischem Geschick den Film heraus, klebte das eine Ende schnell mit Kreppklebeband an die untere Rolle, legte den Film neu ein. Das ganze dauerte zwei bis drei Minuten: Licht gelöscht, Projektorlampe an, Motor gestartet und zack: Klappe. Ganze drei Sekunden lang flackerte THE END auf der Leinwand, aus den Boxen quakte ein Orchester. Und schwarz. Klappe. Licht wieder an. … Abra Cadabra: Die Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen. Natürlich nicht, um mir zu applaudieren — ich bin ja schließlich kein »Flugkapitän« — sondern, weil ich ihnen als Filmvorführerin bewiesen habe, dass der Film wirklich zu Ende ist. Denn bevor ENDE nicht da steht, kann man das ja auch nicht glauben.

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