Von Wegen — Einstürzende Neubauten goes VEB Elektrokohle

Regie: Uli M Schueppel
Deutschland 2009
91 Min.

»Halbgötter« tuckern in den Wilden Osten. (Foto: Berlinale 09)
Am 21.12.1989 gaben die Einstürzenden Neubauten ihr erstes Konzert in der DDR. Regisseur Uli Schueppel, übrigens auch Animator des Berlinale-Trailers, drehte mit diesem Film keine Musik- sondern eine Wende-Doku, die versucht, die Stimmung in der untergehenden DDR widerzuspiegeln.
Eine wackelige und unscharfe Handkamera zeigt wie die Einstürzenden Neubauten rumflappsend mit ihrem Tourenbus von Westberlin aufbrechen, um die Grenze nach Ostberlin zu passieren. Zwischendurch berichten ehemalige Konzertbesucher, die durchs heutige Berlin zum einstigen Kulturhaus VEB Elektrokohle in die Herzbergstraße nach Lichtenberg streifen, über ihr Verhältnis zur Band: »Blixa Bargeld war für uns ein Halbgott« und »Sie standen für Modernität überhaupt«.
Wie moderne Halbgötter sehen sie eigentlich nicht aus, sondern eher wie ungewaschene Kneipen-Linke in Armeeklamotten, die aus Herr Lehmann entsprungen sein könnten. Aber dann beim Gepose vor den Kameras und später auf der Bühne in ihren schwarzen Anzügen, kommen sie schon ein bisschen wie postmoderne 80er-Götter rüber. Blixa Bargeld hatte noch eine Punkfrisur und nicht so eine schleimige wie heute. Arrogante Anwandlungen hatte er allerdings schon damals — das wird in den Interviews, die er mit ELF99 und dem ZDF führte, deutlich. Insbesondere fällt der Kontrast zu den DDR-Leuten auf: Eine Roadie-Frau, in einem rosa Smiley-Shirt (!), erklärt Blixa, dass Wilhelm-Pieck ein Arbeiterführer war — denn die Neubauten spielen im Wilhelm-Pieck-Saal des Kulturhauses.
Eigentlich passten die Neubauten nicht in die spießige DDR und nur alle, die mehr wollten, als brav in Schablonen zu leben, sammelten sie auf Tapes. Aber da dann die Wende wieder extrem cool und postmodern war, weil jedes DDR-Anrüchige zu einem Symbol des Untergangs wurde — passte es irgendwie auch, dass die Punk- und Post-Industrial-Band mit ihrer Zerstörungswut im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle spielte.
Der Film ist etwas mager und das Archivmaterial etwas dünn. Interessant sind die Interviews, die die Untergangs- und Aufbruchsstimmung, das ambivalente Feeling, sehr authentisch widerspiegeln: Die Ex-Roadie-Frau erzählt, wie fremd ihr die Roadies der Band waren. Sie wäre niemals zu einem zwanglosen Gespräch hingegangen. So blieb es beim gegenseitigen Beäugen. Jemand erzählt, wie er zu Ostzeiten geschmuggelte Neubauten-Platten-Meetings zelebriert hat und wie sie dann alle versucht haben, die seltsamen Texte, die von »Kernfusionen« und »Hirnlego« handelten, zu entschlüsseln. Die Westberliner Underground-Band war ein Symbol für das Andere, das Fremde, das Rätselhafte, das wie der Reisewunsch einfach ein Wunsch nach Ausbruch aus Familie-Arbeit-Tod war. Doch nun, wo alles greifbar nahe schien — die DDR war noch nicht untergangen, die Wiedervereinigung noch in der Ferne — wusste man nicht so richtig, was man von dem jeweils Anderen halten sollte.
Die Konzertveranstalterin erzählt eine Anekdote, die wohl nur während der Wendewirren passieren konnte: Bargeld hatte eine Verabredung mit Heiner Müller, aber Müller hatte vorher eine Verabredung mit Francois Mitterrand und der ganzen französischen Ministerriege, die sich mit Künstlern und Intellektuellen treffen wollte, um sich ein Bild über den Zustand der DDR zu machen. Erst dachte die Veranstalterin, Müller sagt wohl ab — doch dann — wer weiß, was er denen erzählt — taucht Müller mit einigen französischen Ministern im Wilhelm-Pieck-Saal auf. Als sie Blixa Bargeld die Hand schütteln, wirkt dieser auf einmal ganz brav und höflich.
Und als dann Müller die einleitenden Worte vor dem Konzert spricht, tauen die Fans plötzlich auf, die vorher etwas befremdet und verbissen durch den Einlass drängelten. Als hätte Heiner Müller nun den Startschuss für einen postmodern daherkommenden Westen in Gestalt der Einstürzenden Neubauten gegeben, der nun auch im Osten Einzug hält.
VON WEGEN gehört in eine Reihe von Wende- und DDR-Dokus wie Ein Traum in Erdbeerfolie und SAG MIR, WO DIE SCHÖNEN SIND (Berlinale 08), die das Leben in der DDR aus heutiger Sicht dokumentieren. Einzigartig ist in dem Uli-Schueppel-Film der Kontrast zwischen Ost und West: Mit der Fokusierung auf die Einstürzenden Neubauten findet Schueppel eine gelungene Metapher auf das Ergebnis von 40jähriger Mauer: Ost- und Westvolk standen sich plötzlich gegenüber wie Außerirdische von verschiedenen Universen.

13.02. 15.30, Colosseum 1
14.02. 22.30, CineStar 7

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2 Kommentare zu Von Wegen — Einstürzende Neubauten goes VEB Elektrokohle

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