Stöhnen vor Stalin: Politische Sexfilme von Wakamatsu Koji

wakamatsu.jpgAnläßlich seines neuen Films »United Red Army« ehrt das Forum den japanischen Regisseur Wakamatsu Koji mit einer kleinen Hommage aus drei Filmen. Der erste »Kabe no naka no himegoto« (Secrets Behind the Wall) wurde bereits 1965 auf der Berlinale gezeigt und sorgte damals für einen veritablen Skandal. Allerdings nicht in Berlin, wo der Film recht wohlwollend aufgenommen wurde, sondern in Japan. Dort wurde das Zeigen des Films als »nationale Schande« bezeichnet, da es sich um einen pink eiga Film handelt.

Der Verband japanischer Filmproduzenten boykottierte daraufhin die Berlinale und zog alle anderen japanischen Filme wieder zurück. Wakamatsu ließ sich davon nicht beeindrucken, ging zurück nach Japan und gründete dort Wakamatsu Productions. Als »Enfant Terrible« des japanischen Kinos öffnete er dem pink eiga immer mehr filmische Dimensionen. In der 68er Bewegung wurde er zum neben Oshima Nagisa wichtigsten Filmemacher. Die Wakamatsu Productions waren ein wichtiger Ort für Künstler unterschiedlicher Bereiche.

secrets.jpg»Kaba no naka no himegoto« (Secrets Behind the Wall) erzählt die Geschichte des Studenten Makoto, der seine Nachbarin beim Fremdgehen beobachtet. Bedrückt von der beengten Architektur einerseits und dem Prüfungsstress andererseits, bricht die unterdrückte Sexualität in einer versuchten Vergewaltigung zunächst seiner eigenen Schwester, dann seiner Nachbarin aus. Wakamutsus Stärken liegen, soviel steht fest, nicht im Entwickeln einer stimmigen Geschichte. Die dezente Erotik des pink eiga Films manifestiert sich vornehmlich in Großaufnahmen einzelner Körperteile, wohl auch aus Gründen der Zensur. Hände, die sich berühren, verkrampfte Füße, der von einem Keloid, einem gutartigen Tumor, verunstaltete Rücken des Liebhabers, das Gesicht der lustvoll stöhnenden Nachbarin vor einem überlebensgroßen Plakat Stalins. Zwischen den Akten werden die Lage der arbeitenden Klasse und Probleme der Friedensbewegung Vietnams diskutiert. Wakamatsus Stärken liegen im Visuellen. Die Architektur-Aufnahmen der Hochhaussiedlung, die Bilder der umschlungenen Liebenden, die Großaufnahmen der Körperteile zeigen ein hohes Gespür für Formen und Bildkomposition. In den besten Momenten erinnert »Kaba no naka no himegote« von Ferne an »Hiroshima, mon amour«. Es sind die Momente, in denen nicht gesprochen wird.

virgin.jpgZwischen »Kaba no naka no himegoto« und »Yuke, yuke nidome no shojo« (Go, Go Second Time Virgin) liegen nur vier Jahre, aber die gesamte Ästhetik Wakamatsus hat sich geändert. Die Darstellung der Nacktheit ist hier viel offener, was wohl auch an der Entstehungszeit liegt. Wir schreiben jetzt 1969 und Wakamatsu ist eine der wichtigsten Gestalten der japanischen 68er. Der Film spielt beinahe ausschließlich kammerspielartig auf dem Dach von Wakamatsus Bürohaus. Fast den gesamten Film über läuft die Hauptdarstellerin nackt oder so gut wie nackt herum, aber viel mehr als eine kleine Reminiszenz an das erotische Kino ist das nicht mehr. Gleich zu Beginn wird die Darstellerin von einer Gruppe Herumtreiber vergewaltigt. Ein Junge sieht zu. Am nächsten Morgen sind die beiden allein auf dem Dach. Wir erfahren, dass es bereits ihre zweite Vergewaltigung war und dass sie sterben möchte, allerdings nicht wegen der Vergewaltigung, sondern aus allgemeiner Lebensmüdigkeit. Ihr Vater und ihre Mutter haben sich bereits umgebracht, es besteht also eine gewisse Familientradition. Auch der Junge, Sohn des für das Haus zuständigen Aufsichtsbeamten und daher im Besitz des Schlüssels, möchte sterben. Danach entwickelt sich eine krude Story um eine Vergewaltigung des Jungen wenige Tage zuvor, wobei er die vier Vergewaltiger, zwei Männer und zwei Frauen, mit einem Messer getötet hat. Zwischen den beiden kommt es nicht zum Verkehr, obwohl sie sich schnell näher kommen. Sexualität in Verbindung mit Zärtlichkeit ist nicht möglich und führt zur Verweigerung seitens des Jungen. Als die Bande mit mehreren Frauen zurückkommt und erneut das Mädchen vergewaltigen, schlachtet er der Reihe nach die gesamte Bande samt Mädchen ab. Zum Schluss springen die beiden Überlebenden hintereinander vom Hochhaus in den Tod. Zwischen den Gemetzeln rezitieren sie Gedichte und der Junge singt ein trauriges Lied, das die Zuschauer im Cinestar 8 ob der unfreiwilligen Komik zum Lachen brachte. Das Ganze ist mit einer geradezu brechtschen Verfremdung theatralisch dargeboten. Wakamatsu macht sich nicht einmal die Mühe zu versuchen, den überreichlich vergossenen Ketchup wie echtes Blut aussehen zu lassen. »Yuke, yuke nidome no shojo« ist eher als Vorläufer des Splatterkinos zu werten, denn als Beitrag zum Erotikkino. In der letzten Einstellung sieht man von oben vom Dach herab auf die beiden zerschmetterten Körper am Boden. Es scheint der einzige Weg zu sein, das Dach wieder zu verlassen. Zum Schluss nimmt der Zuschauer die Perspektive des Selbstmörders ein. Es ist kein Blut zu sehen.

»Kaba no naka no himegoto« (Secrets Behind the Wall) läuft noch einmal am 12.02. um 14:00 Uhr im Delphi. »Yuke, yuke nidome no shojo« (Go, Go Second Time Virgin) läuft am 13.02. ebenfalls um 14:00 Uhr im Delphi. Der dritte Film der kleinen Hommage »Tenshi no kokotsu« (Ecstasy of the Angels) über einen Terroranschlag auf eine Tokioter Polizeistation, die dann später tatsächlich bombardiert wurde, läuft wiederum einen Tag später, am 15.02., um 14:00 Uhr im Delphi. Wakamatsu Kojis neuer Film »United Red Army«, eine dreistündige Doku über eine linksradikale Terrororganisation japanischer Studenten Anfang der siebziger Jahre, wird noch viermal aufgeführt. Am 13.02. um 17:30 Uhr im Cinestar 8, am 14.02 um 12:30 im Delphi, am 15.02. um 20:00 Uhr im Cubix 9 und am 17.02. um 12:30 im Arsenal.

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