Waltz with Bashir (FFF): Was vom Massaker bleibt

Regie: Ari Folman
Israel/ Frankreich/ Deutschland 2008
87 Min.
Sektion: Selected Features
Deutscher Kinostart: 6.11.2008

Foto: FFF

Drei Soldaten liegen nackt im Meer vor Beirut. Sie erheben sich, gehen langsam ans Ufer, ziehen sich an und gehen in die zerstörte Stadt. Die Szene ist die einzige Erinnerung, die der israelische Dokumentarfilmer Ari Folman an seine Zeit in der israelischen Besatzungsarmee im Libanon Anfang der 80er Jahre, auf dem Höhepunkt des libanesischen Bürgerkrieges noch hat. Wahrscheinlich hat es die Szene niemals gegeben. Sie existiert nur in der Erinnerung von Ari Folman.

Als ihm ein Freund von seinen nächtlichen Alpträumen erzählt, in denen er von den 26 Hunden gejagt wird, die er im Krieg erschießen musste, nimmt Ari dies zum Anlass seine eigene Zeit, an die er sich nicht mehr erinnern kann, aufzuarbeiten. Er spricht mit seinen damaligen Kameraden und mit Psychologen auf der Suche nach seiner privaten Kriegsgeschichte. Aus den Erzählungen und Interviews macht er anschließend einen Dokumentarfilm, der zugleich ein Dokumentarfilm über eines der schlimmsten Massaker der jüngeren Kriegsgeschichte wird.

Das Gemetzel, das die mit Israel verbündeten christlichen Phalange-Milizen vom 16.–18. September 1982 in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila anrichten, steht paradigmatisch als erstes Kriegsverbrechen, das direkt vor den Augen einer untätigen Schutzarmee begangen wird. Die Opferzahlen sind noch nicht so hoch wie bei den späteren Massakern in Srebrenica oder Ruanda, sie schwanken zwischen den 460 Toten, die die libanesiche Polizei zählte und einigen Tausend, die Beobachter schätzten. Rund 800 vermutet die israelische Armee. Inwieweit der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel Scharon von den Vorgängen wusste bzw. diese in Kauf genommen hat, ist bis heute umstritten. Auch dieses Massaker ist niemals wirklich aufgearbeitet worden.

Bild: Fantasy Film Fest

Bild: Fantasy Film Fest

WALTZ WITH BASHIR ist aber weit mehr als nur ein sehr persönlicher Dokumentarfilm über ein Kriegsverbrechen. Dokumentarfilmer Ari Folman hat gleich ein ganz neues Filmgenre erfunden: Den Zeichentrick-Dokumentarfilm. Damit umschifft Folman nicht nur elegant das Problem, dass für die meisten Interview-Aussagen kein Archivmaterial zur Verfügung stand, sondern schafft der Distanziertheit und Unsicherheit der Erinnerung auch bildgestalterisch Ausdruck. Großes Lob gebührt dabei dem Zeichentrick-Team um Yoni Goodman, das mit 2300 Illustrationen einen Trickfilm auf technisch sehr hohem Niveau geschaffen hat.

Zum Sinnbild der Sinnlosigkeit des gesamten Krieges und des Feldzuges in den Libanon wird dabei die Erzählung eines Freundes, der, als sie von Hochhäusern aus beschossen werden, mit dem Maschinengewehr in der Hand aus der Deckung mitten auf die Straße rennt und, wild um sich schießend, einen Tanz aufführt, im Hintergrund ist ein riesiges Plakat des gerade eben ermordeten libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel zu sehen. Dieser Bashir, der da im Hintergrund mittanzt, ist für die christlichen Milizen des Libanon eine vererhrte Lichtgestalt wie Kennedy es in der westlichen Welt war.

Seine Ermordung (wahrscheinlich durch den syrischen Geheimdienst) ist der Auftakt des Kriegsverbrechens, auf den der Film von Beginn an hinsteuert. Folgerichtig kippt der Film dann ganz am Ende doch aus den gezeichneten Erinnerungen in zeitgenössische Filmbilder. Es sind die Bilder der zerstörten Flüchtlingslager, überall liegen Schutt und Leichen herum, dazwischen laut klagende und schreiende Frauen. Es sind Originalaufnahmen, die unmittelbar nach Beendigung des Massakers aufgenommen wurden und die nun die ästhetische Distanz des Zuschauers urplötzlich aufbrechen. Aber auch für die Trickfigur Ari Folman sind die Archivaufnahmen am Ende eine Erlösung. Er hat seine Erinnerung wiedergewonnen.

In Cannes wurde der Film angeblich ähnlich bejubelt wie letztes Jahr Persepolis.

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