Was ist Popcornkino? — Josef weiß es und wir nicht.

Ein Replik auf Josef Schnelles Antiblog-Artikel in der Berliner

Der tumbe Popcorn-Blogger-Daumen greift an.

Lange Zeit hab ich mich immer über einige ältere Herrschaften gewundert, die sich über die Ess — vielleicht doch besser Fresskultur — im Kino eschoffiert haben: »Ja, früher gab es so was gar nicht. Heute wird geraaaschelt und geschmaaatzt. Fuuurchtbar!« — Warum müssen die immer so übertreiben, dachte ich mir.

Jetzt ist mir aufgefallen, dass ich nie in Kinos gehe, wo so viel geraaaschelt und geschmaaatzt wird. Beim Fantasy Filmfest, das hauptsächlich im CinemaxX läuft, hatte ich jetzt gleich zweimal hintereinander das Vergnügen, Raschler und Schmatzer ganz nahe erleben zu dürfen.

Das erste Mal war es weniger raschelig, eher ein unentwegtes Popcorngeschaufel plus den dazugehörigen Mümmel- und Knackgeräuschen, wenn das Gebiss auf nicht aufgeplatze Maiskörner stößt. Das dauerte bestimmt 30 Minuten lang. Beim zweiten Mal war es die Variante Raschler, insgesamt kürzer, aber dafür umso intensiver.

Die Filme, die liefen, waren eigentlich so gar nicht die Kategorie »Popcornkino«. Das Ganze hatte was von: Ich stopf mich mit diesem klebrigen Zeug voll (wenn es Popcorn mit Zucker ist) und warte mal ab, was das weiße rechteckige Teil da vorn so zu bieten hat. Dass the »man on the chair« vielleicht grad sein Innerstes nach Außen kehrt oder um es antiquiert auszudrücken, »Kunst macht« — was so ziemlich dasselbe ist — interessiert mich nur als Nachtisch zu meinen geliebten klebrigen oder auch salzigen Maiskörnern.

Beim so genannten »Popcornkino« hätte es mich (jetzt heißt »ich« wieder ich und nicht imaginäres Popcorn-Esser-Ich) wahrscheinlich nicht die Bohne gestört. Besser noch: Popcornessen und Rascheln ist genau die angemessene Haltung für bestimmte Filme und für andere Filme ist es das genaue Gegenteil. Wann aber weiß der Kinogänger, wann geschnurpselt und gekramt werden darf?

Vielleicht ist dieses Festival für uns ein bisschen verwirrend — so, dass wir alle etwas desorientiert herumlaufen. Der Fantasy-Filmfest-Fan weiß einfach nie so richtig, was ihn wirklich erwartet. Auf der einen Seite läuft der übliche Mainstream-Horrorfilm, dann wieder WALTZ WITH BASHIR, der so ganz nebenbei eine völlig neue Form des anspruchsvollen dokumentarischen Animationsfilms entwirft. Und dann gibt es da auch die »intelligenten« Horrorfilme mit sozialkritischen Aspekten und gleich nebenan läuft wieder ein Tennie-Slasher. Und mittendrin rasselt ein Klassiker von Hammer, der vor 50 Jahren als Schund galt und heute ganze Seminare bei den Filmwissenschaftlern füllt, durch den Projektor. Das Nebeneinander von Anspruch, Albernheit, Klassikern und Entdeckungen liegt beim FFF ganz dicht beieinander. Niemand weiß wirklich, wann man Popcorn essen darf und wann es verboten ist, weil es stört.

Blogger gehen nur ins Kino, um zu konsumieren: Bier, Popcorn, Pringles, Tortillachips mit Käsesoße und wenn dafür noch Zeit bleibt: Filme.

Aber ein Glück gibt es eine Spezies, die genau weiß, ob ein Film nur zu konsumieren oder aber ehrfurchtsvoll zu betrachten ist: die FEUILLETONISTEN.

Die FEUILLETONISTEN, unfreiwillig angeführt von Josef Schnelle: Sie wissen es genau! Wann handelt es sich um einen Kunstfilm, den Geburtswehen eines neuen Talents oder aber um billige Dutzendware. Rein und weg damit! Vergessen! Diese Unterscheidung ist nämlich sehr schwierig und kann ausschließlich von prominenten und sehr, sehr gebildeten Leuten getroffen werden, die keinesfalls — ich betone nochmal k-e-i-n-e-s-f-a-l-l-s! — bloggen oder dieses Teufelszeug World Wide Web als primäres Publikationsorgan benutzen.

Dauen rauf

Sollten sie es dennoch tun, so wie Wolfram Schütte, sollte man ihnen Daumenschrauben anlegen. Als präventive Maßnahme! Damit sie ja nicht von der wahnwitzigen und verkommenen Idee heimgesucht werden, ihre Daumen zu erheben (= wertvoller Kunstfilm, der das Kino revolutionieren wird) oder aber zu senken (= Popcorn-Film, der den Untergang desselbigen einleitet). Das ist ein satanisches Ausdrucksmittel, das die »Dilettanten« und »Abschreiber« gern willkürlich und bar jeder Vernunft einsetzen. Und zwar: permanent!

Daumen runter

Aber es kommt noch besser… Stopp! Haltet ein! Bitte erhebt noch nicht Eure Daumen!

Diese neue Spezies, besser diese alte Spezies — äh, diese ehrwürdige Spezies — die FEUILLETONISTEN (ah, Labsal, dieses Schablonendenken tut so gut) tragen nicht nur zur Entwirrung der Fankultur oder des normalen Kinogängers bei, sagen ihm, wann er schnurpseln, knuspern, raaascheln und schmaaatzen darf oder wann er dies — Bitte!!! Bitte!!! — zu unterlassen hat. Nein, sie entwirren und erschaffen auch den Künstler und sein Kunstwerk. Wenn er denn ein solcher sein sollte. Das weiß er nämlich nicht, bevor er nicht die FEUILLETONISTEN, die Weisen der Welt, befragt hat.

Tumber Bloggerdaumen wackelt wie ein Lämmerschwanz.

Somit ist alles geklärt! Meine Güte! Dass ich das noch erleben darf. Es gibt wieder ein warmes Zentrum! Einen Gott! Jemanden, der in dieser ganzen irdischen Verwirrung des 21. Jahrhunderts Ordnung stiftet. Endlich einer, der weiß, wie man gegen dieses störende Popcorngeschmatze, diese verkommene kapitalistische Kulturindustrie, diese nihilistischen Dekonstruktivisten und den Schmierfinken in den Blogs vorgeht.

Und das Beste ist: Niemand hat jemals geahnt, dass jemand die absolute Macht hat, der einfach nur Josef heißt.…Ups, na ja, außer die Bibel…Äh…Ach nee…doch nicht.

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