WETTBEWERBSFILME 2008 — Ein bisschen Politik, viel Dramatik

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Brach in Brasilien alle Zuschauerrekorde: Tropa de Elite

Die interessanteste Neuerung ist wohl, dass im Wettbewerb auch mal Dokumentarfilme auftauchen. Zum einen ist das ein Film über die Rockopas The Rolling Stones in SHINE A LIGHT von Martin Sorsese, der der Berlinale vor allem Starpower beschert. Zum anderen STANDARD OPERATING PROCEDURE von Errol Morris (The Fog of War, 2003) über den US-Folterskandal von Abu Ghuraib: Die Amerikaner übernahmen im Zuge des Irakkrieges das Gefängnis Abu Ghuraib in Bagdad, in dem die Iraker unter Saddam politische Gefangene folterten und ermordeten und bauten es zu einem Militärstützpunkt um. 2004 wurde dann aber bekannt, dass die Amerikaner, zusammen mit irakischen Soldaten, die Folterung von Gefangenen fortsetzten. Nach diesen Medienberichten recherchierte Morris im Irak.

Der Spielfilm TROPA DE ELITE war schon in Brasilien ein Aufreger. Er ist sozusagen das Gegenstück zu »City of God« und zeigt nicht die Perspektive der Gangs, sondern der paramilitärischen Polizei (BOPE), die die Regierung einsetzt, um die Bevölkerung Rio de Janeiros, unter Kontrolle zu halten. Die Mehrheit haust in Favelas und lebt damit außerhalb der staatlichen Ordnung nach eigenen Gesetzen. Die BOPE geht nicht gerade mit Samthandschuhen vor und der Film von José Padilha nimmt da kein Blatt vor dem Mund. Die Methoden des Battalion for Special Police Operations, die gezeigt werden, bassieren auf Aufzeichungen mehrerer Ex-Angehöriger dieser Spezialeinheit.

Lance Hammers BALLAST ist schon auf dem Sundance-Festival gelaufen, ebenso wie Michel Condrys (Sience of Sleep) BE KIND REWIND. Die Story von Gondrys Komödie klingt vollkommen durchgeknallt: Da Jerry plötzlich magnetisch geworden ist, sind alle Videotapes im Laden ruiniert. Um das Geschäft ihres Bosses zu retten, will er mit seinem Freund Hollywoodfilmklassiker von den Ghostbusters bis King Kong nachdrehen.

Andrzej Wajda beschäftigt sich in KATYN mit dem lang tabuisierten Massaker (Wikipedia) an tausenden polnischen Kriegsgefangenen durch den sowjetischen Geheimdienst 1940. Wajdas Geschichtsdrama ist für den Oscar nominiert (Kategorie: bester nichtenglischsprachiger Film).

Mit AVAZE GONJESHK-HA (The Song of Sparrows) von Majid Majidi ist der Iran mit von der Partie. Ein Mann, der in einer Straußenfarm in den Suburbs von Tehran arbeitet, ist mit seinem einfachen Leben zufrieden. Doch dann wird er entlassen und wandert in die große Stadt. Auf der Reise erweitert er seinen Horizont.

Nach 18 Jahren Winterschlaf tauchen die Finnen wieder im Wettbewerb auf. Laut einheimischen Zuschauern soll MUSTA JAÄ (Black Ice) von Petri Kotwica mit vielen überraschenden Wendungen und dem Hitchcockschen Suspense aufwarten. In dem schwarzhumorigen Drama rächt sich eine vierzigjährige Ehefrau an ihrem Mann, der es hinter ihrem Rücken mit einer Studentin treibt. Allerdings soll der Soundtrack, in dem die Heavymetalband Apocalyptica mit ihren Cellos rumfiedelt, etwas nerven.

THERE WILL BE BLOOD (nominiert für acht Oscars) von Paul Thomas Anderson (Magnolia) ist die Filmadaption zu Upton Sinclairs Roman »Oil«. Ein Minenbesitzer (Daniel Day-Lewis) gräbt im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Gold und Silber, findet aber stattdessen Öl. Was für ein Glück! Dann findet er noch mehr Öl und wird unglaublich reich. Das Beste an dem Film ist der Schauspieler Daniel Day-Lewis, der neben einem Golden Globe vielleicht auch noch einen Oscar absahnt. Hier eine ausführliche Besprechung aus der Schweiz.

Ansonsten wird es überaus dramatisch mit der Bestseller-Verfilmung für Brigitte-Leser und FEUERHERZ, mit kranken und sterbenden Menschen in KIRSCHBLÜTEN von der unerträglichen Doris Dörrie und in ZOU YOU von Wang Xiaoshuai, einem sterbenden Tier, das in Wirklichkeit ein sexgeiler alternder Professor ist (die Romanvorlage zu ELEGY von Philip Roth heißt so), entführten Kindern (GARDEN OF THE NIGHT, Damian Harris) und einem Kind, das als Köder für eine Erpressung genutzt wird (JULIA, Erick Zonca).
Auch aus Fernost kommt Dramatik: Mit KABEI (Unsere Mutter) verfilmt Yoji Yamada autobiographische Kindheitserinnerungen von Teruyo Nogami, der später bei allen bedeutenden Akira-Kurosawa-Produktionen mitgearbeitet hat. Der japanische Trailer (kann man sich anschauen, da wird nur ein Satz gesprochen) lässt ein sehr trauriges Familiendrama vermuten, das im Nachkriegsjapan angesiedelt ist.

Nach all dem Furchtbaren auf der Welt kommt dann Mike Leigh mit seinem HAPPY-GO-LUCKY und zeigt, dass man das Deprimierende auch wiederum lustig sehen kann.
Bei einigen Filmen, wie ELEGY, ist klar, dass sie bloß Speck für Stars sind und warum sollte man sich nicht auch mit einem mehrfach oscarnominierten Werk absichern. Es muss ja nicht schlecht sein, nur weil es mehrfach oscarnominiert ist.
Wichtiger Tipp: Die amerikanischen und westeuropäischen Wettbewerbsfilme kommen zum großen Teil kurz nach der Berlinale in die Kinos, deswegen sollte man sich lieber Filme aus Asien, Nahost, Lateinamerika (und Finnland) ansehen.
Folgende Wettbewerbsfilme haben schon jetzt einen Starttermin:

There Will Be Blood (14.2.)
Fireflies in the Garden (18.2.)
Kirschblüten (6.3.)
Be Kind Rewind (3.4.)
Shine A Light (4.4.)

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