Wholetrain (Perspektive Deutsches Kino)

Film über deutsche Graffiti-Szene

Regie: Florian Gaag
Deutschand/Polen: 2006
83 Min
12.2. 13.30 Uhr, Colosseum 1
12.2. 20.00 Uhr, CinemaxX 1
13.2. 18.00 Uhr, Colosseum 1

Jahrelang, so der Regisseur nach der Vorführung, habe er an diesem Projekt gearbeitet und – als habe er selbst nicht mehr so recht dran geglaubt – es ist nun doch noch fertig geworden. Er, Florian Gaag, war selbst jahrelang in der Münchener Graffiti-Szene aktiv – das merkt man dem Film an: Die jugendlichen Sprayer wirken authentisch mit ihrem „Graffiti-Slang“, in Gestik und Mimik. Es geht vor allem um Anerkennung und Spannungen in einem Kollektiv von Jugendlichen, welche sich alle einem Ideal verschrieben haben, das nicht ganz ungefährlich ist. Der Crew-Anführer David wird zur Bewährung verurteilt und ist vorsichtiger geworden als der draufgängerische Tino. Aber da eine andere Graffiti-Crew in der Stadt aufgetaucht ist, ziehen sie alle noch einmal an einem Strang. Der ganz große „Burner“ soll es werden – ein Wholetrain (ein ganzer Zug). Da es schnell gehen muss werden möglichst viele Sprayer gebraucht. Das ist die große Chance für Achim einzusteigen und als gleichwertig anerkannt zu werden. Doch der erscheint nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Und dann ist da auch Tinos knapp vier Monate alter Sohn, auf den er aufpassen soll.
„Wholetrain“ ist ein wirklich gelungener Film, der mit ein wenig Selbstironie diese vorwiegend männlich dominierte, zum Teil auch äußerst machohafte Jugendszene beleuchtet. Der Kampf zwischen Polizei und Crew wird nicht etwa schwarz-weiß geschildert. Schließlich brauchen sie sich gegenseitig: Was wäre Sprühen ohne den Kick der Gefahr? Nicht zuletzt trägt auch das Schauspiel von Alexander Held („Die letzten Tage der Sophie Scholl“) dazu bei, das Bild der Strafverfolger, die auch brutal sein können, etwas aufzulockern. Nichtsdestotrotz ist es kein Film der einen neutralen Blickwinkel einnimmt: Es wird die Perspektive der Jugendlichen gezeigt, mit denen dieser Film sympathisiert.
Die Coming-to-Age-Problematik wird gestreift: In welchem Maße dürfen und können Träume noch ausgelebt werden, wenn sie auf den Rücken anderer ausgetragen werden? Tino vergisst seinen kleinen Sohn zu windeln und hätte ihn in eine Prügelei mit der verfeindeten Crew genommen, wenn ihn David nicht zurückgehalten hätte.
Florian Gaag hat eine Hommage an die Graffiti-Szene verfilmt, von der man sich mit zunehmenden Alter verabschieden muss, will man erwachsen. Er hat es geschafft, den Rausch des Sprühens, die Gefahr des Geschnappt-Werdens auf die Leinwand zu bannen und hat den Film zusätzlich mit einer spannenden, tempo- und facettenreichen Story ausgestattet. Die Hiphop-Musik hat er zum Teil selbst geschrieben. Vermutlich wird er bald in den Deutschen Kinos zu sehen sein.

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