FILMKRITIK: Ya! — Erlöser auf Droge

Regie: Igor Voloshin
Russland 2009
88 Min

»Ich bin« (Ya!) hat Igor Voloshin seinen zweiten Langfilm nach Nirwana (Forum 2008) genannt und alles Ya!sei — wie er verschmitzt im anschließenden Q&A behauptet — mit Ausnahme der halluzinierten Szenen genau so passiert. Das fällt etwas schwer zu glauben angesichts der endlosen grausamen Gewaltdarstellungen und Drogenexzesse im Film. Ein wenig wirkt Ya! wie die russische Variante von White Lightnin‹ aus dem Panorama 2009. Auch dort wurden in einer wütenden Bild- und Soundcollage Drogen, Gewalt und Religion zusammengerührt. Während White Lightnin‹ aber wenigstens als Möglichkeit die Rettung und Erlösung noch zuläßt, macht Voloshin vom ersten Moment an klar, dass wir in der Hölle leben und darin umkommen werden.

Ya! erzählt die Geschichte einer Jugend-Clique um die religiöse Erlöser-Figur Rom. Seinen Jüngern gibt er statt Brot und Wein Wodka und Drogen aller Art. Der fröhlichen Endlos-Party des charismatischen Antichrist inmitten der Schar abgefuckter Punks und aufgetakelter Nutten stehen die staatlichen Ordnungsmächte in der Gestalt von Polizei und Klinik gegenüber. Ein Polizeichef verfolgt Rom, weil die Frau, die er begehrt hat, Roms Geliebte wurde. In einer der wilden Halluzinations-Sequenzen wird Rom von Polizisten auf einem Friedhof gekreuzigt (etwas moderner mit Elektrobohrer und Dübeln), seine Freundin anschließend vor dem Gekreuzigten vom Polizeichef vergewaltigt und getötet.

Der größte Teil des Film spielt, wenn auch nicht zusammenhängend, in der Irrenanstalt, in die sich die Hauptfigur einweisen lassen hat, um der Wehrpflicht zu entgehen. HIer herrscht wie nicht anders zu erwarten die Oberschwester — das Vorbild One flew over the cuckoos nest von Ken Kesey wird im Film ausdrücklich zitiert — flankiert von einer hübschen Krankenschwester, in die sich der Protagonist verliebt. Ekelbilder aus der verwahrlosten und abbruchreifen Klinik wechseln ab mit alptraumhaften Halluzinationen im Drogenrausch oder unter Einwirkung der Medikamente und verdichten sich zu einer bösen Parabel der russischen Gesellschaft. Voloshin selbst nennt das bildmächtige »Märchen« einen Film über die Lost Generation aus der Umbruchzeit des Untergangs der kommunistischen Gesellschaften.

Leider können auch in Voloshins zweitem Langfilm nur die beeindruckend inszenierten Filmbilder. Die autobiographische Story zerfasert im Durcheinander aus Rausch-Bildern, Medikamenten-Halluzinationen und Realsequenzen, ohne selbst eine rauschhafte Wirkung entfalten zu können. Ein übriges macht die katastrophale Untertitelung, der zu folgen schlicht unmöglich ist, so dass der Film in der derzeitigen Fassung ohnehin nur Russischsprachlern zuzumuten ist.

Beste Szene: Die Freundesclique versteinert im Schnee zu einem gigantischen Denkmal.

Das trägt der Regisseur: Schickes Sakko über »Dawn of the Dead«-T-Shirt (als filmisches Vorbild nennt er dann im Q&A aber brav Martin Scorsese, The Godfather).

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