Yasukuni (Forum) — Japans Vergessen

»Ich wollte die Erinnerungen der Menschen auf einer großen Bühne zusammenbringen.« (Regisseur Li Ying)

Regie: Li Ying
Japan/China 2007
123 min.

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Am 60. Jahrestag der Beendigung des zweiten Weltkriegs in Asien beobachtet der Regisseur das Aufeinandertreffen von Kriegsveteranen und Politikern am Yasukuni-Schrein. Wie ein Heiligtum steht der Schrein im Zentrum der Verehrung des japanischen Militarismus. Soldaten und Kriegsverbrecher werden dort als Helden und Märtyrer der Nation gefeiert, während Kritikern der Mund verboten wird.

11.02., 17:15, Arsenal 1 (OmU)
12.02., 12:45, CineStar 8 (OmE)
14.02., 20:00, Cubix 9 (OmU)

Kriegsveteranen, umringt von Touristen, marschieren mit Japans Militärflagge auf, alte Frauen diskutieren über den Schrein-Besuch des damaligen Premierministers Koizumi und verstehen die Kritik des Auslands nicht. Eine Gedenkfeier singt die Nationalhymne und ein Redner bezeichnet den 2. Weltkrieg als einen Verteidigungskrieg Japans. Zwei junge Männer, die gegen die Veranstaltung protestieren, werden schließlich mit Rufen wie„Geh zurück nach China, du Idiot“ – über den Platz gedrängt, einer von ihnen dann mit blutendem Gesicht in ein Polizeiauto verfrachtet. Ein US-Amerikaner im weißen Hemd erklärt sich solidarisch mit Koizumi. Doch weil er eine amerikanische Flagge schwängt, fühlen sich die Schreinbesucher provoziert und beschimpfen ihn wüst. Schließlich wird er vom Platz verwiesen.

Skurriler könnte die Situation kaum sein. Die Überlebenden des 2. Weltkrieges, etwa in China, warten bis heute noch auf eine offizielle Entschuldigung Japans. Das Massaker von Nanking im Dezember 1937 forderte Hunderttausenden chinesischen Zivilisten das Leben. Doch am Yasukuni-Schrein wird das Massaker als Lüge bezeichnet. Neben der Kritik an dieser Erinnerungskultur verlangen Hinterbliebene taiwanesischer und koreanischer Kolonialsoldaten, welche namentlich im Yasukuni-Schrein erwähnt werden, die Löschung der Namen. Die Shintō-Religion, für die der Schrein ebenfalls steht, ist für sie ein Teil japanischer Kolonialgeschichte. Die ehemalige Besatzungsmacht beantwortete die koreanische Unabhängigkeitsbewegung mit Repression, strich die koreanische Sprache 1938 aus den Lehrplänen und zwang alle Koreaner einen japanischen Namen anzunehmen. Millionen wurden schließlich zum Kriegsdienst gezwungen, einige von ihnen werden heute im Schrein verehrt, neben ihren Namen die von Kriegsverbrechern.

Li kommentiert erst am Ende das Geschehen. Er zeigt Photografien und alte Filmaufnahmen von Kriegsverbrechen, die er mit einer Trauermusik unterlegt. Damit stellt er der Heldenverehrung die Trauer entgegen. Stellvertretend für die fehlende Auseinandersetzung steht ein Schmied, der letzte der Yasukuni-Schwerter herstellen kann. Als er nach seinen Erinnerungen befragt wird, schweigt er lange in die Kamera.

Li Ying kommentiert seinen Film so: „Ich wollte die Erinnerungen der Menschen auf einer großen Bühne zusammenbringen. Unterschiedliche Nationen haben unterschiedliche Erinnerungen. Yasukuni handelt von der Erinnerung, aber auch vom Vergessen. Ich benutze Ausschnitte aus Kriegsfilmen, um japanische Zuschauer mit diesen Erinnerungen zu konfrontieren. Der Schwertschmied verkörpert das Vergessen.“

Die Bühne das sind die Nationalisten, die die Toten als Helden verehren. Das sind die Vergessenden wie der Schmied. Aber das sind auch die vielen Kritiker, denen am Schrein, der Mund verboten wird. Sie wollen trauern, doch die Heldenverehrung verhindert das. Li verleiht ihnen eine Stimme.

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