FILMKRITIK: YouTube-Experiment LIFE IN A DAY

Regie: Kevin MacDonald
GB 2010
95 Minuten
Der YouTube-Schnipselfilm ist so ziemlich das Schlimmste, was ich jemals auf der Berlinale sehen musste: Eine Aneinanderreihung von Banalitäten zwischen Voyeurismus und Inszenierung, die MacDonald im billigen und unerträglichen Pathos ertränkt, um daraus eine Küchenphilosophie über den Sinn des Lebens zu schnitzen. Der 24.7.2010 ist ein schwarzer Tag! Nicht nur wegen der Duisburger Love Parade, deren Unglück der Regisseur natürlich nicht ausspart, sondern an dem Tag wurde auch einer der fürchterlichsten Filme ever gedreht. YouTube rief dazu auf, Tapes mit gesammeltem Alltagsmaterial dieses Tages einzuschicken, das hier auf anderthalb Stunden zusammengewurstelt wird.

Schlafende Babys, Embryos, ein schuhputzender Kinderarbeiter aus Südostasien, Bauern vom Balkan, ein koreanischer Rennradfahrer, das arme Vieh, das gerade auf der Schlachtbank getötet wird, Dahinsichende, kleine Ferkel und heulende Liebeskranke – sie alle müssen dafür herhalten, dass wir uns einer der banalsten und ausgekautesten Theorien über den Sinn des Lebens ansehen müssen: Das Leben ist Krankheit, Tod und Leid, aber auch Liebe und Familie und die kleinen Dinge des Alltags. Neu hingegen ist für mich die Erkenntnis, dass das Leben nicht aus Arbeit besteht. Wir sehen, bis auf zwei, drei Ausnahmen niemanden der einer beruflichen Aktivität nachgeht. Natürlich ist das Ganze von vorn bis hinten inszeniert. Es wurden drei, zwar angeblich „simple“ Fragen gestellt, in Wirklichkeit wollte YouTube, zusammen mit Scott und MacDonald sowie dem Sponsor LG, die Emotionen des Publikums lenken. 1. Was tragen Sie alles in den Taschen? Ha, ha, was schleppen die Leute nur alles mit sich rum. 2. Was lieben Sie? Pathetische Freude. 3. Wovor fürchten Sie sich am meisten? Kathartische Angst vor Krankheit, Tod. Scotts Produktionsfirma Scott Free Production schickte Kamerateams in die entferntesten Winkel der Erde, damit ein Touch a la UNSERE ERDE als eine Art Metaebene im Sinne von universeller Wahrheitsverkündung über das Leben, hinzugefügt werden konnte. Das Gefühl, dass der Rezipient so eben eine tiefgreifende Erfahrung gewonnen haben soll, wird mit penetrant schmachtenden Violinen verstärkt. Na ja, vielleicht ist es auch extrem naiv, anzunehmen, dass die Symbiose YouTube, Hollywood und LG irgendwas Sinnvolles hätte hervorbringen können. Aufführungstermine für diesen Film musst ihr selber googlen! Ich befürchte fast, das schreckliche Machwerk findet einen Verleiher.

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