Zemestan — Es ist Winter

Regie:Rafi Pitts
Iran 2005
86 Minuten
Dieser Artikel stammt von der Berlinale 2006.
Kinostart: 1.11.2007

Dies ist ein als neorealistisch zu klassifizierender Film aus dem Iran.
Gezeigt wird eine dramatische Geschichte aus dem Arbeitermilieu: Ein Mann lässt Frau, Schwiegermutter und Tochter in dem kleinen unverputzten Haus an den Gleisen zurück, um woanders Arbeit zu suchen. Sie hören nichts von ihm, er schickt kein Geld und schließlich bringt die Polizei Nachricht, dass es keine Nachrichten über den Verschollenen gibt.
Die Figuren scheinen sprachlos und ohne Entscheidungsspielraum.
Ein junger Mann erscheint, sucht Arbeit, findet Arbeit, entdeckt die junge Frau (ein klassisch schönes Gesicht, mehr ist leider nicht zu erkennen wegen des Tschadors, dem iranischen Ganzkörperschleier) und beginnt, um sie zu werben.
Die wirtschaftliche Situation dieser kleinen Familie ist beängstigend. Dies mag auch der Grund sein, warum wir die beiden auf einem tristen Standesamt sehen, nachdem er einen Teppich zu ihr brachte. Zuvor hat er beobachtet wie eines nachts Leute ihre Möbel abholen, um sie zu verkaufen.
Eine vielleicht typische Männerfreundschaft verbindet ihn mit einem anderen ebenfalls jungen Mann, der, wie er, auf einem martialisch anmutenden Platz, auf dem alte Krähne und ähnliche Dinge stehen, schwere Arbeit verrichtet.
Dieser Andere ist kein »Herumtreiber« sondern kümmert sich um seine Familie und hat sich scheinbar mit diesem Leben in dieser Welt arrangiert.

Es gibt eine ungeheuerliche Szene, in der eine Frau eine Straße langläuft. Sie raucht, ihr Tschador ist im Dunkel der Nacht und der Beleuchtung absolut durchscheinend und sie verschwindet, nachdem man einen Blick auf ihr stark geschminktes Gesicht werfen konnte, in dem Haus aus dem der Freund eine Minute später heraustritt, um dem Mann, der sie später heiraten wird, Geld zu geben.

Ich dachte gestern Abend, wie eigenartig es ist. Hier sitzt das relativ elitäre Berlinale-Publikum und schaut zu, wie die freudlose Unterschicht im Iran lebt, bzw. überlebt. Das ist es wohl, was uns betroffen macht.
Der Kommentar des Wettbewerbmoderators, das dies ein Film über den Iran »apart from a Mullah regime« ist, machte mich sehr zornig. Denn dass die Frauen in diesem Film ca. 70 % der Zeit ihre Tücher richten und sich nicht frei bewegen können ist nicht nur Teil des derzeitigen Regimes sondern der scheinbar überwältigenden Präsenz von Religion und religiöser Zugehörigkeit. Aber darüber ist sicher genug lamentiert worden.
Der Film ist sehenswert, schon um über den Tellerrand hinauszuschauen. Aber auch um diese gelungenen, herzrausreissenden und ästhetisch anmutenden Aufnahmen zu sehen. Auch die Lieder, deren Texte (Schadjarian) derzeit hochpolitisch verstanden werden können, sind ein Genuß, nicht nur für persische Ohren.
Eine wichtige Botschaft ist das Aufzeigen von gesellschaftlichen Veränderungen. In »Sobhi Digar« (einem anderen iranischen Film, der während der Berlinale läuft) spricht eine Frau über das Verschwinden der Mittelschicht, die einst, zumindest in Teheran sehr stark war. Es bleiben nur noch wenig Reiche und viele Arme übrig, die hart arbeiten um zu überleben, aber nicht um gut zu leben.

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